Bilder sagen mehr als 1000 Worte....

Marcel Reich-Ranicki: Sein Leben in Bildern
 

 

Marcel Reich-Ranickis Erinnerungen haben in Schrift und einen ungeahnten Erfolg erzielt. "Hat der alte Hexenmeister" doch noch viele Lebensgeister! Nun ist zu seinen Erinnerungen der entsprechende Bildband erschienen.

Der geneigte Leser hebt skeptisch die Braue und vermutet dahinter den Versuch des Verlages, die "Hausse" zu nutzen. Damit liegt er natürlich grund- sätzlich nicht falsch und muss sich zusätzlich der Frage stellen, ob denn diese Haltung unbedingt und "a priori" zu verurteilen sei. Spätestens bei der Lektüre dieses Bildbandes jedoch wird er - pardon, sie - eines Anderen belehrt.

In einer chronologischen Schau seines Lebens ziehen die Zeitgenossen des scharfzüngigen Litera- tur-Kritikers an den Lesern vorbei und unterziehen sich den Kommentaren des Autors aus dem "Off". So stellt er Thomas Mann in einem einzigen schrof- fen Satz neben Adolf Hitler als den Inbegriff des Deutschtums im 20. Jahrhundert. Zugespitzt, tref- fend und doch - immer in gewisser Weise verlet- zend - fallen die Urteile der literarischen Eminenz. Wer lässt sich schon gerne in einem Atemzug mit dem größten Verbrecher des Jahrhunderts nennen?

Aber dies ist nur eine Facette des Bildbandes. Daneben sieht man Reich-Ranicki mit den führen- den Intellektuellen und Schriftstellern im Gespräch. Natürlich - und leider - bleiben diese Bilder statisch. Dennoch vermitteln sie dank guter Fotografen einen derart lebendigen Eindruck der jeweiligen Situation und der Personen, als nähme der Betrachter selbst an der Unterhaltung teil.

Da sieht man Max Frisch, Joachim Fest, Siegfried Lenz - einer der engsten Freunde - und auch - in einer sehr anrührenden Fotoreihe - MRR mit der fraulich-attraktiven Ulrike Meinhof (wer kennt die heute noch?).

Bei den Fotos fällt immer wieder die Lebendig- keit und Fassbarkeit der Personen auf. Die jüngere Geschichte erwacht hier auf einmal zum unmittelbaren Erlebnis. Und mittendrin dann eine Abrechnung mit der deutschen Wirklichkeit am "Fall Koeppen" - lesenswert!

Natürlich sieht man auch IHN, immer wieder, in allen Altersstufen. er und seine Zeitgenos- sen - z.B. Siegfried Unseld - altern langsam und würdevoll mit ihm. Sigrid Löffler zeigt ihre stoische Miene, Helmut Karasek seine "Edeka-Filialleiter-Physiognomie" - alle sind sie da, selbst der Meister an der PC-Tastatur!

Wer immer ein Fan des leider verblichenen "Literarischen Quartetts" war, sollte sich diesen Bildband schnellstens anschaffen.

Das Buch ist im Deutschen Tachenbuch- Verlag (dtv) unter der ISBN 3-423-30828-1 erschienen und kostet 15 €.