Jürg Beeler: "Liebe, sagte Stradivari"

Erotisches Gruppenbild mit Geige
   

Simon Hofbauer restauriert Streichinstrumente - Geigen, Bratschen, Celli - und kennt sich mit Stradivaris und Guarneris aus. Seine ganze Liebe gilt der geheimnisvollen und seltenen Kunst des Geigenbaus, die besondere Fähigkeiten verlangt, die richtigen Hölzer, Lacke und Größenverhältnisse zu finden, um dem Instrument seine "Seele" einzuhauchen.

Er selbst spielt in einem Streichquartett, in dem die so begabte wie schöne Anne der musikalische Star ist. Sie allein verleiht der Musik des Quartetts so etwas wie eine Seele, und die anderen Mitspieler akzeptieren und verehren sie. Obwohl Simon mit der eher bodenständigen Malerin Martha zusammenlebt, träumt er im Stillen von Anne. Die ist jedoch sehr gut mit einem Juristen verheiratet und hat obendrein zwei Kinder.

So könnte das Leben des Geigenbauers in gleich bleibenden Bahnen verlaufen, wenn Anne ihn nicht eines Tages verführen und anschließend ein heimliches Verhältnis mit ihm pflegen würde. Simons Leben gerät aus den Fugen. Da er Martha gegenüber das Verhältnis verschweigt und offensichtlich Anne ihrem Mann auch, ist keine Lösung der Situation zu sehen.

Diese ach so weit verbreitete Konstellation wäre als Grundlage eines Romans nicht besonders originell, wenn nicht Simon eines Tages entdecken würde, dass sein bester Freund Paul ebenfalls ein Verhältnis mit Anne pflegt, von seiner - Simons - Beziehung jedoch offensichtlich nichts weiß. Als Anne ihm gegenüber die Situation freimütig eingesteht und auf einer Fortführung besteht, sieht sich Simon mit einer "Ménage à trois" konfrontiert.

Wer jetzt ein Eifersuchtsdrama oder einen Thriller erwartet, liegt falsch. Jürg Beeler geht es nicht um  die spannende Darstellung und Lösung menschlicher Konflikte sondern um die seelischen Auswirkungen. Obwohl sich die Geschichte um Anne dreht, bleibt der Ich-Erzähler Simon die Hauptperson. Für ihn ist das Verhältnis zu Anne eine "Amour fou". Obwohl er sich mit seiner Lebensgefährtin Martha gut versteht, kann er nicht von Anne lassen und betrachtet die Liebe zu Anne mehr als Schicksal denn als Verrat an Martha. Seinem Freund Paul gegenüber kann er keine Eifersucht empfinden, eher sieht er in ihm einen Leidensgenossen, der auch dem Einfluss dieser Frau erlegen ist. So klärt er den Ahnungslosen auch nicht über die Situation auf.

Simon sucht für die Situation keine Lösung. Zwar strebt er die engstmögliche Verbindung mit der geliebten Frau an, doch wagt er nicht an praktische Alternativen wie Scheidung, Trennung und Heirat zu denken. Für ihn ist diese Frau eine erotische Macht, die ihn in ihren Bann zieht und der er sich fügt. Ohne die unerwartete Initiative von Anne würde sein Leben in dieser Spannung weitergehen.

Überlagert ist dieser Geschichte eine Reise mit Paul nach Venedig, wo er auf Wunsch seines verstorbenen Vaters dessen Asche von der Rialto-Brücke verstreut. Von dieser Reise aus erscheint die Geschichte um Anne in Form von Rückblenden und geht zum Schluss unmerklich in die reale Welt über.

Das eigentlich Bestechende an diesem Buch ist nicht die Handlung sondern die äußerst sensible und sprachlich gelungene Darstellung von Simons Gefühlswelt, seiner fast fatalistischen Hinnahme der eigentlich unerträglichen Situation und seiner unerschütterlichen Liebe, ja Hörigkeit dieser Frau gegenüber. Und so wirkt seine Entscheidung am Schluss des Romans auch nicht wie ein billiger Verrat sondern wie eine unausweichliche, ja schicksalhafte Fügung.

Das Buch ist im Haymon-Verlag unter der ISBN 3-85218-381-2 erschienen und umfasst 175 Seiten.