| James Salter: "Ein Spiel und ein Zeitvertreib" |
| Liebe als voyeuristische Vorstellung | |
Ein junger amerikanischer Fotograf verbringt eine längere Zeit in dem Haus
einer amerikanischen Familie in Paris und erlebt von hier aus Frankreich. Als er den
jungen Amerikaner Phillip Dean kennen- lernt, unternimmt er mit ihm eine Autofahrt durch
Frankreich, bei der Phillip die junge Französin Anne-Marie kennen lernt und mit ihr ein
Verhältnis eingeht. Bis hier entspricht der Ablauf der üblichen "Drama-
turgie" eines erotischen oder psychologischen Romans. In diesem Buch jedoch
beschreibt der Ich-Erzähler die Beziehung zwischen den beiden jungen Leuten aus seiner
eigenen Phantasie heraus. Er stellt sich ihre Zweisamkeit, ihre Gesp- räche, ihre Reisen,
ihre Unternehmungen und ihre erotische Beziehung intensiv vor und baut so zu sagen das
Leben der Beiden in seiner Vorstellung auf. Dabei verschwimmt zunehmend die Trennlinie
zwischen Realität und Vorstellung, da der Autor zwar immer wieder tatsächliche Auftritte
der beiden einspielt, dann aber wieder in die Phantasie aus- weicht. Der Erzähler versetzt sich immer tiefer in Phillips Rolle,
halb eifersüchtig auf diese leidenschaftliche Beziehung, halb voyeuristisch. Dabei neidet
er ihm nicht die Erotik - die er ja im Wesentlichen selbst imaginiert -, sondern die
EIfersucht bewegt sich eher auf einem höheren, abstrakten Niveau. Nicht das Mädchen
missgönnt er ihm, sondern die imagi- nierte Unbedingtheit und Kompromisslosigkeit der
erotischen Beziehung, die ihm selbst nicht vergönnt ist. Er selber bewegt sich in der Rahmenhandlung ebenfalls in der
Gesellschaft attraktiver Frauen, deren Einstellung ihm gegenüber er jedoch nicht
einschätzen kann. Er fühlt sich ihnen unterlegen und wagt daher keinen einzigen
Annäherungs- versuch. In seiner Unsicherheit projiziert er seine erotischen Phantasien in
Phillip und Anne-Marie und nimmt so an ihrer Lust teil.
Dass am Ende Phillip seine Geliebte verlässt und in die Staaten zurückreist, spielt im Grunde genommen keine Rolle. Nicht die Beiden sind die Hauptpersonen, sondern der Ich-Erzähler mit seinen fast besessenen Vorstellungen ihrer Beziehung, die für ihn Realitätscharakter annehmen.
James Salter schreibt einen schmucklosen, direkten Stil, der an der Tradition des ameri- kanischen Romans des 20. Jahrhunderts anschließt. Anklänge an Hemingway sind unübersehbar. Seine Sicht des Lebens ist die des großen "Einsamen", der die Unmittel- barkeit des erotischen Empfindens nie erfah- ren wird und sich daher auf die Betrachtung seiner Umwelt beschränkt. "Am Abbild haben wir das Leben" - möchte man zitieren. Auch wenn der Erzähler in gewissem Sinne unglücklich aus dieser Geschichte hervorgeht, hat er doch gerade durch seine Distanz an Lebenserfahrung gewonnen.
Das Buch ist im Berlin-Verlag unter der ISBN 3-8270-0096-32 erschienen und umfasst 216 Seiten.
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