| Karel G. van Loon: "Lisas Atem" |
| Ein Junge auf der Suche nach einem Mädchen und einer Schuld | |
Der siebzehnjährige Talm war mit Lisa befreundet, als diese plötzlich während eines Urlaubs mit ihren Eltern verschwand und nie mehr auftauchte. Da auch keine Anzeichen eines Unfalls oder Verbrechens zu ent- decken ist, geben Polizei und Eltern irgendwann auf. Nur Talm, der noch kurz vor Lisas verschwinden eine schwer wiegende Information von ihr erhalten hat, macht sich auf die Suche.
Wenn das Buch beginnt, ist die Suche nach Lisa und den Gründen ihres Verschwindens bereits vorüber, und Talm sitzt mit Sophie, Lisas Mutter, zusammen und lässt die vergangenheit Revue passieren. In versetzten Rückblenden erfährt der Leser Einiges über Sophies Leben, ihre frühe Heirat mit dem falschen Mann, die Geburt Lisas, den perversen Schwiegervater und schließlich die Trennung von Lisas Vater. Später lernt sie Sebastiaan kennen, einen allein stehenden Univer- sitätsprofessor, und erlebt mit ihm und Lisa eine glückliche Zeit, da Sebastiaan die kleine Lisa als seine eigene Tochter und sie ihn als ihren Vater betrachtet.
Verschränkt mit dieser Rückblende erlebt der Leser Talms ersten Kontakte mit der bereits heran gereiften Lisa, seine schließlich erfolgreiche Werbung um sie und ihr oftmals selbstvergessenes, ja bedrücktes Wesen. Nach einer Liebesnacht in einem alten Haus- boot gesteht sie ihm dann ein Geheimnis, das mit dem geliebten Stiefvater Sebastiaan zusammenhängt. Ohne dass es deutlich ausgesprochen wird, weiß der Leser schnell, was vorgefallen ist.
Sebastiaan ist nach Lisas Verschwinden dem Alkohol verfallen, hat sich irgendwann von Sophie getrennt und als Stadtstreicher sein Leben gefristet. Talm, der dies Stück für Stück herausbekommen hat, wirft nach Jahren des Hoffens und Wartens seinen Job hin und macht sich auf, Sebastiaan zu suchen, um ihn zur Rede zu stellen. Als er ihn schließlich an den ein- schlägigen Orten trifft, hat er einen zynischen und zugleich schuldbeladenen und vom Alkohol zerfresse- nen Menschen vor sich. Bevor er ihn auf die Ausspra- che vorbereiten kann, sagt dieser ihm seine Absichten auf den Kopf zu, und es entwickelt sich ein mühsamer Dialog zischen Lisas beiden ehemaligen Liebhabern.
Talm ist jedoch dem trotz Alkohol intellektuell und rhetorisch erfahrenen Sebastiaan nicht gewachsen und kann daher seine Abrechnung mit ihm nicht so durch- führen wie geplant. Er sieht jedoch, dass sich Sebastiaan, der schon immer einen Hang zu sehr jungen Mädchen hatte, durch seine Affäre mit seiner eigenen Stieftochter selbst zu Grunde gerichtet hat, und drückt dem Betrunkenen nachts ein KIssen auf das Gesicht.....
Bei aller Brisanz des Themas geht es dem Autor nicht in erster LInie um den Missbrauch von Jugendlichen durch Erwachsene. Er wirft die Frage der Schuld undund ihrer Verarbeitung auf und setzt die Schuld in Kontrast zu der noch ungebrochenen Unschuld - ja, Naivität - des Jungen. Sebastiaan ist trotz sei- ner rhetorischen Überlegenheit dem stillen Vor- wurf Talms, der sich nicht zum emotionalen Aus- bruch durchringen kann, nicht gewachsen und stirbt bereits vor seinem physischen Tod. Talm selbst kann die Not des Älteren nicht in vollem UMfang begreifen, denn er sieht nicht die Emotio- nen, die auf beiden Seiten der unerlaubten Liai- son mitwirkten. Er steht eher fassungslos als empört vor dem "Übeltäter", und die Tötung ist mehr ein Gnadenakt denn Rache.
Eine besondere Bedeutung kommt auch Sophie zu, die bis zum Schluss nichts von der Liaison von Stiefvater und Stieftochter ahnt und sich in eine stille Trauer über den Verlust zweier gelieb- ter Menschen flüchtet. In Talm findet sie schließ- lich einen Freund im Leid. Ihr Leben ist von Schicksalsschlägen und schweren Enttäuschun- gen geprägt, und dennoch bringt sie den Mut zum Überleben und zur weiteren Gestaltung ihres Lebens auf. Der Autor hat sich mit dieser Figur besonders intensiv beschäftigt und zeichnet ihr inneres wie äußeres Leben mit viel Liebe zum Detail nach.
Besonders hevorzuheben ist an diesem Buch der leise Ton mit viel Gespür für Stimmungen und atmosphärische Schwingungen. Weit ab von Sentimentalität, Effekthascherei oder Schwarz- Weiß-Malerei zeichnet van Loon, der schon mit "Passionsfrucht" überzeugte, das Bild einer Verquickung der Gefühle und der Not eines jun- gen Mädchens nach und entwirft ein glaubwürdi- ges Bild seiner Figuren.
Das Buch ist im Gustav Kiepenheuer Verlag unter der ISBN 3-378-00639-0 erschienen und kostet 16,50 €.
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