| Catherine Millet: "Das sexuelle Leben der Catherine M." |
| Schonungslose Autobiografie oder Marketing-Gag? | |
Erotische Literatur gibt es in Hülle und Fülle seit Beginn des Buchdrucks - und davor. Vor allem die Franzosen waren auf diesem Gebiet lange Zeit die Vorreiter, was Offenheit und Brechung von Tabus betrifft. Im literarischen Markt jedoch führen diese Bücher immer noch ein Dasein in der Schmuddelecke, auch wenn durch zahlreiche Lippenkenntnisse offiziell längst aus dieser Ecke befreit. Zu sehr implizieren sie eine moralisch despektierliche Lüsternheit des Lesers, die einem Intellektuellen nicht ansteht. So werden diese Bücher weiter in der zweiten Reihe des
Bücherschranks oder an anderen Orten gelagert und mehr oder minder im Geheimen gelesen. Inhaltlich
diskutieren, etwa in einen Runde wie dem "literarischen Quartett", wird man sie wohl nie.
Was aber geschieht, wenn plötzlich ein solches Buch als dokumentarische Autobiografie einer lebenden Frau erscheint, die obendrein noch an exponierter Stelle im kulturellen Leben steht? Eben dieses hat Catherine Millet, langjährige Chefredakteurin der Pariser Kunstmagazins "Art Press", in dem
vorliegenden Buch getan - hat sie? Catherine Millet schildert chronologisch ihr erotisches Leben, angefangen bei der etwas verklemmten
Fünfzehnjährigen, die mit der Mutter in einem Bett schläft, bis zur aktuellen Reflexion eines weitgehend durch die Sexualität bestimmten Lebens. Kurz nach ihrer Defloration während eines Zelturlaubs lernt sie über ihren Freund den Gruppensex kennen und bald als ein natürliches Element ihres Lebens schätzen. Von nun an verkehrt sie auf alle erdenklichen Weisen einzeln und "en masse" mit Freunden und Fremden. Dabei kopuliert sie bei verschiedenen Gelegenheiten - bei privaten Partys, bei anonymen Treffs im Bois de Boulogne oder in drittklassigen Kneipen mit nahezu jedem, der dazu bereit ist. Ihre eigenen Emotionen hat sie dabei scheinbar unter Kontrolle, da die
üblicherweise untrennbar mit der Lust verbundene Liebe bei ihr keine Rolle zu spielen scheint. Auch scheint sie keine Eifersucht zu erkennen, sondern schaut ihren
jeweiligen engeren Freunden bei deren erotischen Spielen nicht nur zu sondern diskutiert die Erlebnisse anschließend auch noch mit ihnen.
Erst später, aus der Rückschau, versucht sie, Struktur in ihr erotisches Leben zu bringen und ihr Verhalten zu verstehen. Dabei ist sie meilenwert entfernt von Gewissensbissen oder moralisch gefärbter Reue. In einzelnen Kapiteln setzt sie ihre sexuellen Vorlieben zu Bedingungen ihrer Umwelt und den Regeln des allgemeinen menschlichen Umgangs in Beziehung. So beschäftigt sich das erste, "Zahl" überschriebene Kapitel mit der Vielfalt der Partner, das Zweite, "Raum" betitelt, mit den Lokalitäten der
Ausschweifungen. Zum Schluss hängt sie noch eine Reihe von Betrachtungen über Krankheiten, Absonderlichkeiten und körperliche Eigenarten hinzu.
Da dem Buch eine klassischen Handlung mit dem Aufbau und der Lösung von Konflikten fehlt, lebt es von der Wiederholung und Variation der sexuellen Erlebnisse und erschöpft sich nach gewisser Zeit auch in diesen. Da hilft auch der strukturelle Überbau mit den Versuchen einer Selbstanalyse wenig, weil eine solche einen schockähnlichen Anlass erfordert, der jedoch bei Catherine Millet nicht vorliegt. Ihre Eigenanalyse ist eher nüchtern, distanziert, ohne größere emotionelle Friktionen.
Liest man das Buch unter der Annahme einer bis ins Detail "wahren" Grundlage, so muss man die Rückhaltlosigkeit bewundern, mit der diese Frau ihr Intimstes nicht nur preisgibt sondern auch noch erklärt. Man muss Bücher mit dieser Selbstentblößung mit der Lupe suchen. Alle tabulosen erotischen Werke der Weltliteratur (und der weniger anspruchsvollen Reihen) sind mehr oder minder autobiografisch gefärbte
Fiktionen, die immer die Interpretation offen lassen, hier handele es sich eben nicht um die
persönlichen Erlebnisse des Autors bzw. der Autorin. Hier jedoch ist es anders, es sei denn....Was wäre, wenn die Selbstbezichtigung nur ein großer Marketing-Gag wäre, um das Buch auch in einem seriösen Markt Erfolg versprechend zu verkaufen?
Wenn Catherine Millet diese Erlebnisse in der Radikalität nicht am eigenen Leib erfahren hätte sondern nur einem raffiniert aufgemachten
erotischen Werk ihren Namen geliehen hätte? Der Erfolg gibt ihr Recht, denn das Buch ist schnell in die Bestseller-Listen aufgestiegen. Für die Bewertung des Buches wäre das
allerdings ein starker Schlag, da es nur von der Radikalität der Selbstdarstellung lebt.
Das Buch ist im Goldmann-Verlag unter der ISBN 3-442-30964-6 erschienen und umfast 285 Seiten.
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