| Edgar Rai: "Ramazotti" |
| Melodramatische Nabelschau eines Spätpubertierenden | |
Edgar Rais
Ich-Erzähler trägt des Autors Nachna- men als Vornamen, selbst erfundene Abwandlung des
verhassten weil spießigen Namens Reinhold. Als abgebrochener Musikstudent fristet er sein
Leben als Single in einer ungemütlichen aber szenekonformen Wohnung in Berlin-Kreuzberg.
Seine Freunde bewegen sich wie er weit ab vom bürgerlichen Lager in nicht näher
beschriebenen beruflichen und privaten Warteschleifen und pflegen wie er ihren
immerwährenden jugendlichen Nonkon- formismus, zu dem natürlich handfeste finanzielle
Probleme und der obligatorische Alkoholisierungs- grad gehören. So könnte Rais Leben
zwischen privaten Klavierstunden und Auftritten als Kaffee- haus-Pianist ewig fortwähren,
wenn er nicht eines Tages beim Joggen eine junge Frau vor einer Ver- gewaltigung bewahren
würde. Während er die bei der Rettungstat durch einen Kampfhund erlittenen Verletzungen
im Krankenhaus ausheilt, besucht ihn die junge Frau, und damit beginnt eine asketische und
angespannte Liebesbeziehung. Er selbst gesteht sich die emotionelle Wirkung der Frau nicht
ein, doch der Leser merkt doch sehr schnell, dass hier das gewohnte Muster abläuft. Mila
- so heißt die geheimnisvolle Schöne - zieht es offensichtlich auch zu Rai, doch über
ihr scheinen schwere Schicksalswolken zu hängen, die dem Glück im Wege stehen. Damit
begibt sich die Geschichte trotz des gebremst schnoddrigen Tones in melo- dramatisches
Fahrwasser. Natürlich versucht Rai herauszubekommen, was hinter Milas
Unruhe und ihren kurzfristigen Reisen steckt, welche Rolle der dubiose Russe Putin spielt
und was der alte (rührende!) Mann in ihrem Leben bedeutet. Man sieht, Rai setzt hier auf
bewährte Rollenklischées. Der alte Mann war schon bei den französischen Romamciers des
19. Jahrhunderts eine beliebte Figur.
Seine Suche nach der Wahrheit um Mila wird garniert durch Darstellungen der Berliner Gesellschaft, die alle nach einem einfachen und immer wieder gern praktizierten Muster verlaufen: wer erfolgreich ist, zeichnet sich durch Dummheit und mangelnde Kultur aus, und die Armen und Gescheiterten sind allemal die aufrechteren und edleren Gestalten, auch wenn sie dies mit geballter Selbstironie weit von sich weisen...
Bleibt angesichts dieses konventionell gestrickten und nicht besonders originellen Buches als Positivum zu erwähnen, dass Rai seine Geschichte zumindest nicht mit einem kitschigen Happy-End abschließt sondern sich für einen "offenen" Schluss entschieden hat.
Der Roman ist im Aufbau-Taschenbuchverlag unter der ISBN 3-7466-1739-1 erschienen und kostet 8,50 €.
|