| Icchokas Meras: "Remis für Sekunden" |
| Auswegloses Schachspiel um Leben und Tod | |
Der sechzehnjährige Isaak lebt im jüdischen Ghetto als einer der letzten Überlebenden seiner Familie. Seine auch den deutschen Bewachern bekannte Liebe zum Schachspiel verleitet den Lagerleiter zu einem geradezu teuflischen Vorschlag. Isaak soll gegen ihn spielen. Gewinnt er, müssen die anderen Kinder des Ghettos nicht den Gang ins Vernich- tungslager antreten, er selbst muss jedoch sterben. Verliert er jedoch, überlebt er selbst und die Kinder müssen sterben. Vom ersten Moment an ist Isaak klar, dass seine einzige Chance darin besteht, Remis zu spielen, obwohl er auch dann noch der Willkür seines Gegenübers ausgeliefert sein wird. Aber jedenfalls hat er dann die theoretische Chan- cen, mit diesem von seinem gegenüber offensicht- lich nicht einkalkuliertem Ausgang den unter den gegebenen Umständen erstrebenswerten "Status quo" zu erhalten.
Zwischen den einzelnen Zügen gehen Isaak die Lebensläufe seiner Geschwister durch den Kopf, die auf die eine oder andere Weise bei der Verfol- gung der Juden durch die Deutschen den Tod gefunden haben. Diese Erinnerungen erscheinen jedoch als eigenständige Erzählungen und nicht als Isaaks ausdrückliche Gedankengedänke. Damit lenkt der Autor immer wieder vom aktuellen Geschehen ab und kann die Schicksale der ande- ren Familienmitglieder umso eindringlicher schil- dern.
Daneben kommen auch die anderen Bewohner des Ghettos zu Worte, so etwa der wortkarge Pole Janek oder die junge Esther, zu der sich Isaak hingezogen fühlt. Zwischen ihnen baut sich im Laufe des Schachspiels eine schüchterne und verzweifelte Liebesbeziehung auf, für die es im Ghetto keine Zukunft gibt.
Wer wissen möchte, wie dieses Schachspiel ausgeht und was mit den Protagonisten geschieht, sollte den schmalen Band selbst lesen. Der Litauer Icchokas Meras (Jahrgang 1934) verarbeitet darin seine eigenen Erleb- nisse während der deutschen Besatzung, die er glücklicherweise überlebte. Meras führt keine wortreichen Anklagen sondern beschränkt sich auf die Beschreibung der Situation und des tragischen Konflikts, in dem Isaak steckt. Die ausdrückliche moralische Wertung des Lagerleiters erübrigt sich nach über fünzig Jahren einschlägiger Literatur und angesichts der Offensichtlichkeit des Schreckens.
Der Roman ist im Aufbau-Taschenbuchverlag unter der ISBN 3-7466-1752-9 erschienen und kostet 5,00 €.
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