| Sebastian Haffner: "Geschichte eines Deutschen" |
| Eine autobiographische Analyse der frühen Nazi-Herrschaft | |
Der Ende der
neunziger Jahre verstorbene Publizist Sebastian Haffner war über Deutschlands grenzen als
scharfsinniger und kritischer Kommentator des politischen und gesellschaftlichen Lebens
bekannt. Noch 1988 veröffentlichte er seine weitgehend zu- treffenden Reflexionen über
die deutsche Spaltung und ihre vermeintlich nur in Jahrzehnten zu errei- chende mühsame
Aufhebung - Irren ist historisch! Nach seinem Tode haben seine Kinder den Nach- lass geordnet
und dabei ein Manuskript aus den dreißiger Jahren entdeckt, in dem er die histori- schen
Hintergründe und den Aufstieg der Nazional- sozialisten aus der Sicht eines jungen
Zeitgenos- sen schildert. Wer dahinter eine eher private und politisch belanglose
Befindlichkeitsstudie vermutet (hatte), muss sich durch die Lektüre eines Besse- ren
belehren lassen, vermittelt dieses Buches doch ein sehr lebendiges Bild der Epoche und
zeigt gleichzeitig, dass aufmerksam beobachtende Deutsche das Unheil in seiner ganzen
potentiellen Dimension durchaus haben von Beginn an erken- nen können. Haffner beginnt den Rückblick mit dem Jahr 1914, in dem er -
gerade sieben Jahre alt - den beginnen- den Ersten Weltkrieg begeistert als großes Aben-
teuer begrüßt, das nur mit dem totalen Sieg der Deutschen enden kann. Wie beim
Murmelspiel im Hinterhof zählen die kriegsbegeisterten Kinder die täglichen Siege und
Gefangenen. Derart in eine nationale Euphorie eingehüllt, kann der Ausgang des Krieges
nur noch wie ein schwerer Schock wirken und lässt sich nur in der Interpretation der
"Dolchstoßlegende" verkraften. Aus dieser mentalen Konditionierung einer ganzen Generation,
eben nicht der Weltkriegsteilnehmer sondern der kindlichen Abenteurer leitet er den Erfolg
der Nazionalsozialisten ab. Gerade die jün- gere Generation, die den Krieg nur als
aufregendes "Räuber- Gendarm"-Spiel mit nationaler Sieg- Garantie erlebte, sah
in Hitler die Erfüllung ihrer puber- tären Allmachtsphantasien, und da nimmt sich Haffer
selbst in keiner Weise aus. Bei ihm selbst, dem Juristensohn, ändert sich die
Einstellung zu der aufkommenden nationalsozialis- tsichen Bewegung schon bald, wenn auch
anfangs eher aus ästhetischen und intellektuellen Gründen denn aus politischer
Überzeugung.
So erlebt er das Wachstum der Bewegung als junger Student neben einem durchaus lebens- frohen Dasein und spürt erst nach dem 31. Januar 1933 so etwas wie ein aufkommendes Grauen. Höhe- und Schlusspunkt dieses Fragment gebliebenen Berichts ist die Schlag auf Schlag erfolgende totale Machtübernahme durch Hitler imJahre 1933, die damit einher- gehende Entrechtung aller kritischen Bürger und Instanzen sowie die einsetzende Verfol- gung der Juden. Das ironische und gleichzei- tig erschreckende Apercu bildet der Bericht über die zwangsweise Wehrertüchtigungs- schulung der angehenden Juristen in einem SA-Lager.
Haffners wohl erst 1939 im englischen Exil entstandene Aufzeichnungen lesen sich spannend wie ein zeitgeschichtlicher Roman und spiegeln gleichzeitig die Betroffenheit und auch die unfreiwillige Einbindung kritischer Intellektueller in das perfide und doch so perfekte Indoktrinierungssystem der Nazis wider. Dieses Buch ist heute durchaus nicht veraltet und sollte vor allem jungen Leute als Pflichtlektüre empfohlen werden.
Der Roman ist im Deutschen Taschenbuch- verlag (dtv)unter der ISBN 3-423-30848-6 erschienen und kostet 9,50 €.
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