Robert Menasse: "Die Vertreibung aus der Hölle"

Über die Kongruenz von Lebensläufen in verschiedenen Jahrhunderten
 

In Wien feiert eine Abiturklasse die 25. Wiederkehr der Matura. Mitten in die erwartungsfrohen Gesichter der alten Lehrer hinein verliest der ehemalige Schüler Viktor in seiner anfangs launig erscheinenden Begrüßung plötzlich die NSDAP-Mitgliedsnummern der Lehrer und löst damit einen Skandal aus, der im flucht- und fluchartigen Verlassen fast aller Beteiligten des Lokals endet. Nur Viktor und seine alte Klassenkameradin Hildegund bleiben, kämpfen mit den nun überzähligen Speisen und Getränken und lassen im Gespräch ihr Leben Revue passieren. Doch Hildegund, Viktors ehemalige und nie erreichte "Flamme", hört eigentlich nur Viktors Erzählungen über sein Leben zu, in dem sie eine wichtige, aber nicht die einzige Rolle spielt.

Viktor wächst als Halbjude - väterlicherseits - in den sechziger und siebziger Jahren auf. Seine geschiedenen Eltern verfrachten ihn schon früh in ein Internat, wo er das Martyrium der gnadenlosen Hackordnung reinen Jungengesellschaft kennenlernt, in der er selbst nicht gerade eine Führerfigur abgibt. Diese für den Jungen harten Jahre prägen ihn für sein Leben und lassen Groll gegenüber den Eltern zurück.

Parallel dazu entwickelt sich die Erzählung über das Leben eines anderen jungen Menschen. Der kleine Mané wächst im Portugal des frühen 17. Jahrhunderts auf, wo die Inquisition ihr Zepter schwingt. Besonders verhasst sind den Wächtern der reinen Religion die Juden, selbst wenn sie sich seit Generationen angepasst und die katholische Religion angenommen haben. Wie Jahrhunderte später in Deutschland werden die Abstammungen aller Bürger akribisch überprüft und mit geradezu hysterischem Eifer nach Spuren des Judentums gesucht. Noch während Mané mit seinen gleichaltrigen Kameraden begeistert das gnadenlose Spiel der "Judensuche" einschließlich Denunziation nach Entlarvung spielt, gehört er plötzlich selbst zu den Opfern, werden seine Eltern verhaftet und gefoltert und gehört er plötzlich zu den Aussätzigen der Gesellschaft.

Im Folgenden wechselt die Erzählung im gleichmäßigen Takt zwischen der in der Rückblende erzählten Jugend Viktors und der "Vorwärtsschilderung" von Manés Werdegang. Während sich Viktor durch die Fallstricke seiner Umgebung mit Internat, leicht senilen Großeltern, einem die Vaterpflichten nur nachlässig wahrnehmenden Vater und einer überbehütenden Mutter kämpft und verschiedene Misserfolge im schulischen wie erotischen Leben einstecken muss, erlebt Mané das Grauen der Inquisition aus der Sicht eines naiven Kindes, das die Folterinstrumente der Inquisition nicht kennt.

Während Viktor auf der Universität die Begeisterung der linken Revolution und anschließend die gnadenlose Aburteilung als "Konterrevolutionär" durch die selbst ernannten Wächter der reinen Lehre erleben muss, flieht Mané mit seinen Eltern nach Amsterdam, um dort mit viel Mühe ein neues, karges Leben als nun auch offiziell anerkannter Jude aufzubauen, ohne dass diese Religion dem katholisch augewachsenen Kind etwas sagt. Während die Eltern nach dem Durchstehen der schlimmsten Zeit sterben, entwickelt sich Mané zum Musterschüler der jüdischen Schule und schlägt schließlich den dornigen Weg eines jüdischen Gelehrten ein. Währenddessen löst sich Viktor von der radikalen Linken, promoviert in Neuerer Geschichte und lehrt selbst an der Universität.

Alles dies wird gewürzt durch die kleinen Erlebnisse Viktors und Hildegunds im nächtlichen Wien, das sie angeheitert im Taxi und zu Fuß durchstreifen, Viktor immer mit einer eindeutigen erotischen Absicht auf die mit einem Religionslehrer verheiratete Mutter von fünf Kindern, da er seine frühere vergebliche Liebe zu ihr immer noch nicht verwinden kann.

Je mehr sich die beiden Lebensläufe einerseits ihrem natürlichen Ende und andererseits der Erzählzeit zuneigen, desto mehr wird die Verknüpfung der beiden Protagonisten deutlich. Nicht nur ist Mané als Lehrer Spinozas das Thema eines Vortrags, den Viktor am nächsten Tag halten soll, sondern beide sind auch über ihre Herkunft direkt miteinander verwandt. Das aber lässt der Autor erst gegen Ende deutlich werden, um die Spannung zu erhöhen.

Robert Menasse hat in diesem Roman die Lebensläufe zweier Menschen mit jüdischem Hintergrund verschiedener Jahrhunderter mit großer erzählerischer Kraft mieinander verwoben. Menasse schafft es, in seinem Buch das jeweilige Lokalkolorit und die Befindlichkeit der handelnden Personen bis ins Detail glaubwürdig zu schildern. Sei es die desolate seelische Situation des jungen, der Nestwärme ermangelnden Viktor, seien es seine gnadenlosen und sadistischen Mitschüler, seine bereits im Trott des ewig Gleichen erstarrten Großeltern, seine leicht hysterische und flatterhafte Mutter, deren dummdreister und rassistischer Bruder oder der leichtlebige Vater: jede Person wird ohne falsches Klischee ausgeformt und wirkt in allen Eigenschaften authentisch. Man erkennt daran die hohe Beobachtungsgabe und die schriftstellerische Ehrlichkeit eines Autors, der dem Leser nicht den Gefallen einfacher Identifikationsfiguren tut sondern seine Personen als immer wieder neue Konstellationen aus verschiedenen, bisweilen überraschenden Eigenarten zusammenbaut. Sie alle sind im übertragenen Sinne gebrochene Gestalten, die es nie zu einer klaren und eindeutigen Ausrichtung bringen. Eben richtige Menschen und keine Idealfiguren.

Menasses Erzähstruktur, seine Liebe zum Detail ohne zu langweilen, seine geschichtliche Belesenheit, die nie in intellektuelles "Schaulaufen" ausartet sondern immer dem Ziel der Erzählung dient, und seine überzeugende Charakterisierung sowohl der vergangenen als auch der zeitgenössischen Personen machen die Lektüre dieses Buches zu einem Genuss. Wer etwas mehr von der Geschichte der Juden, dem Leben zu Zeiten der Inquisition wissen möchte und dabei auf einen kritischen Rückblick auf die letzten vierzig Jahre nicht verzichten will, sollte  dieses Buch unbedingt lesen.

Es ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 3-518-41267-1 erschienen und umfasst 490 Seiten.

Frank Raudszus