| Joanna Hershon: "Mondschwimmen" |
| Roman über eine familiäre Schuld und ihre Verarbeitung | |
Der junge Aaron nimmt seine neue Freundin Suzanne zu seinen Eltern in dem einsamen Haus im Wald mit, um sie der Familie vorzustellen. Zu dieser gehören weiterhin der neunzehnjährige Bru- der Jack und die kleine Schwester Lila. Das zu Beginn harmonische und - wie üblich - etwas ver- krampfte Familientreffen entwickelt sich jedoch völlig anders als erwartet. Suzanne geht die über- mäßige, schrankenlose Liebe Aarons etwas auf die Nerven, ihr wäre ein wenig erotische Unsicherheit gegenüber dem Partner durchaus lieber. So aber gewinnt sie ein zunehmendes Interesse an dem schroffen und etwas eigenartigen Jack, der auf höfliche Floskeln und gut bürgerliches Benehmen weit gehend verzichtet. Im Anschluss an eine aus- gedehnte Party bei Freunden von Jack kommt es dann zu einem Techtelmechtel zwischen den beiden auf dem stillen See, während Aaron - mehr oder minder gegen seinen Willen - von der Gast- geberin der Party verführt wird. Durch den eigenen Seitensprung verwirrt und den Verdacht gegenüber Freundin und Bruder aus dem Gleichgewicht ge- bracht, stellt Aaron seinen Bruder zur Rede und zum Kampf, an dessen unglücklichen Folgen Jack stirbt.
Zehn Jahre später begibt sich die mittlerweile er- wachsene Lila auf die Suche nach ihrem Bruder Aaron, der nach dem verhängnisvollen Abend ver- schwunden ist. Nach offizieller Darstellung ist Jack damals an einem Unfall gestorben, doch Lila glaubt nicht daran, da sie damals als Mädchen von acht Jahren die gespannte Atmosphäre durchaus ge- spürt hat. Sie möchte nicht nur die Wahrheit wis- sen, sondern auch ihren Bruder finden und die rest- liche Familie wieder zusammenführen. Mit krimina- listischem Spürsinn geht sie den dünnen Spuren nach, findet eine nach der anderen die an der da- maligen Party beteiligten Frauen und entlockt ihnen Hinweise oder Widersprüche bei der Darstellung der Ereignisse. Stück für Stück kommt sie dem Kern der Wahrheit näher und findet ihren von Schuld und Sühne beladenen Bruder, um schließ- lich nicht nur ihren Hass auf ihn abzulegen, son- dern auch ihm die Schuld abzunehmen.
Joanna Hershons Roman entfaltet seine Stärken eindeutig im ersten Teil, in dem sie die emotionelle Situation der Beteiligten mit sehr viel Einfühlungs- vermögen beschreibt. In ihrer Darstellung wird die Unsicherheit und die Identitässuche junger Leute um die zwanzig deutlich, die sowohl in der eroti- schen Partnerschaft wie auch im Wettbewerb mit dem gleichen Geschlecht noch wenig Erfahrung haben und viele Komplexe mit sich herumtragen.
Der Rahmen des bürgerlichen Verhaltensko- dexes kann hier nur wie Tünche die Erschüt- terungen und inneren Brüche überdecken, so dass die Katastrophe immer latent unter der Oberfläche lauert und jederzeit ausbrechen kann. Auch der finale "Showdown" zwischen den beiden Brüdern zeichnet sich durch Spar- samkeit der Darstellung aus und verzichtet auf jegliche äußere Dramatik. Gerade das verleiht dieser Szene Dichte und Eindringlichkeit.
Der zweite Teil fällt dagegen ab, nicht nur wegen des grundsätzlich problematischen Sprungs über zehn Jahre sondern vor allem wegen der eher linearen und konventionellen Thematik. Man weiß sofort, worum es geht und wo es enden wird, und die Aufklärung entbehrt nicht einer gewissen Biederkeit und Hang zur "heilen Welt". Am Ende liegen sich im übertragenen Sinne alle in den Armen, obwohl Joanna Herson sich und den Lesern die äußerlichen Beigaben einer plakativen Versöhnung erspart. Dagegen ist hier die fein gesponnene Liebesgeschichte zwischen Lila und Ben hervorzuheben, die noch einmal die Berührungsängste junger Menschen hervor- hebt.
Im Großen Ganzen ein durchaus lesenswer- tes Buch, dessen erster Teil jedoch als eigenständige Novelle noch eindringlicher gewesen wäre.
Das Buch ist im Verlag Rütten & Loening unter der ISBN 3-352-00574-5 erschienen und umfasst 300 Seiten.
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