Detlef Bluhm: "Zug Nach Wien"

Literarischer Brückenschlag zwischen Holocaust und Heute
 

In den letzten Jahren hat es mehrfach Versuche gegeben, die Ereignisse um den Holocaust nicht nur literarisch noch einmal zu verarbeiten, sondern sie auch in die heutige Zeit zu transportieren und direkte Verbindungen zwischen danmals und heute herzu- stellen. Bereits Walter Mauritz versucht dies in "Totstellen", während Robert Menasse in "Vertreibung aus der Hölle" einen anderen Weg wählt. Detlef Bluhm hält sich an die Vorgabe von Walter Mauritz, indem er einen Überlebenden des Holocaust ein halbes Jahr- hundert später Rache nehmen lässt - mit den selben grundlegenden Schwächen.

Paul Singer lebt wie alle Juden im Budapest des Zweiten Weltkrieges relativ unbehelligt, bis 1944 die Deutschen einmarschieren mit dem Ziel, noch vor einem vorhersehbaren ungünstigen Ausgang  des Krieges auch in Ungarn die "Judenfrage" ein für alle Mal zu lösen. Der Aufforderung, einen Judenrat zu bilden und die Besatzer bei der Registrierung zu helfen, kommen Paul Singer und andere ausgewählte Juden nach, in der Hoffnung, die von den Deutschen geleugneten aber unausweichlichen Deportationen noch bis zum Einmarsch der sowjetischen Truppen verzögern zu können. Ein Irrtum, wie man bald fest- stellt. Es gelingt lediglich, einige Tausend Juden gegen viel Geld mit Pässen in die Freiheit nach Wien zu schicken, von wo aus sie ins Ausland fliehen sollen. Ein fanatischer SS-Offizier leitet jedoch den Zug mit der jüdischen Elite Ungarns nach Auschwitz um, wo unter anderem Singers schwangere Frau umkommt. Als Singer von einem sterbenden Deutschen den Hintergrund der Tragödie erfährt und einen Hinweis auf eine Liste mit den zukünftigen falschen Namen der Täter erfährt, schwört er fürchterliche Rache.

Aus Gründen, die mehr dem dramaturgischen Auf- schub als einem logischen Zusammenhang dienen, geht diese Liste verloren und taucht erst wieder 1999 in Berlin auf. Singer, seit 1945 mit der Verfolgung von Nazi-Tätern beschäftigt, erfährt über den israelischen Mossad von dem Fund und macht sich auf nach Berlin. Der Mossad jedoch wittert eine weit größere Aktion hinter dieser Liste und folgt Singer heimlich.

In Berlin kommt es dann zum Showdown des mittler- weile 81jährigen mit seinem fast gleichaltrigen Kontra- henten, aber bis dahin sind noch einige Recherchen zu tätigen und Hindernisse zu beseitigen. Im Stile eines klassischen Spionage-Thrillers beschreibt Bluhm die Jagd nach dem Schuldigen und die Aufdeckung eines weltweiten Komplotts, das - natürlich - kurz vor der Umsetzung vom Mossad verhindert wird. Die Übeltäter ereilt ihre gerechte Strafe, doch auch Paul Singer stirbt an der letzten Kugel seiner Widersacher. Sein wieder gefundener Sohn drückt ihm die Augen zu.

Bereits aus dieser kurzen Schilderung erkennt man die eher reißerische, mit Versatzstücken des Spannungskrimis angereicherte Handlung. Der Ausgangspunkt in Budapest wird noch recht glaubwürdig geschildert, obwohl es auch schon hier mehr um das Vorantreiben der Handlung als um die Aufklärung von Hintergründen geht. Auch von dem großen Komplott der alten Nazis ahnt man nur Nebulöses, es bleibt Spekulation, weil es sich im Gegensatz zu den Ereignissen im Krieg nicht belegen lässt. Generell verweilt Bluhm nicht lange bei der Charakterisierung der Personen und der Situationen, beide bleiben eindimensional und sind nur Schachfiguren seiner Handlung. Schade, das ein so sensibles Thema als Grundlage für einen "stinknormalen" Thriller herhalten muss, der noch nicht einmal besonders originell gestaltet ist. Im Übrigen zeigt sich auch an diesem Buch wieder die Problema- tik, einen bei Kriegsende Erwachsenen fünfund- fünfzig Jahre später als 81jährigen entschlosse- nen Rächer auftreten zu lassen. Je älter Täter und Opfer aufgrund der historischen Daten sind, desto mehr nähert sich die Konstellation der Lächerlichkeit, ähnlich den Prozessen gegen senile und nichts mehr begreifende Täter des Zweiten Weltkriegs. Detlef Bluhm hat der Sache, um die es ihm zu gehen scheint, nicht unbedingt einen Gefallen getan.

Das Buch ist im Verlag Gustav Kiepenheuer unter der ISBN 3-378-00637-4 erschienen und kostet 17,50 €.