| Andreas Maier: "Klausen" |
| Romanstudie über einen Südtiroler Mikrokosmos | |
Klausen, ein
kleiner fiktiver Ort in Südtirol, liegt im Eisacktal nahe der Autobahn A22, die dort auf
hohen Betonpfeilern das Tal überspannt und den Ort mit dem Rauschen des Verkehrs
beschallt. In Klausen lebt die typische Mischung aus alt eingesessenen Bauern, vom
Tourismus abhängigen Dienstleistungsbetrieben und das große Geschäft witternden
Baulöwen. Mitten in diese fragile Gesellschaftsstruktur brechen eines Tages einige
Umweltschützer, die es vor allem auf die Auto- bahn und ihre zerstörerische Auswirkungen
auf die Natur abgesehen haben. Doch werden diese Aktivisten lediglich aus der
Perspektive der Dorfbewohner geschil- dert, je nach deren Horizont und Interessenlage.
Dazu kommt noch die "Ploderburg", ein ehemals herrschaftli- cher Sitz, die jetzt
Asylanten aus Pakistan als Bleibe dient und von den eingeborenen Einwohnern ebenfalls
argwöhnisch beäugt wird. Die scheinbar fest gefügte Gemeinschaft der Klausner beginnt
jedoch bereits zu bröckeln. Da ist der junge Gasser, der einige Semester in Berlin
studiert hat, deswegen ebenfalls für linke Tendenzen steht und bei den Dorfbewohnern eher
Misstrauen erntet. Seine Schwester hat in einer beliebten Fernsehserie in einer Nebenrolle
mitgewirkt und gilt den Frauen des Dorfes daher als mondäne Exotin, während die Männer
sie eher als Vertreterin einer höchst spannenden weil moralisch anrüchigen Branche
sehen. Natürlich bringt man die realiter bescheidenen aber in der Fantasie gefährlich
revolutionären Aktivitäten der Umweltschüt- zer - einige Flugblätter werden entdeckt -
sofort mit dem wegen seines Berlin-Studiums als Lenin-Ver- schnitt verdächtigten Gasser
in Verbindung. Auch einige kritische Bemerkungen Gassers über die loka- len Größen
Laner und Delazer, die etwas mit geplan- ten Bauvorhaben zu tun haben, werden in diese
Rich- tung gedeutet. Kurz, Gasser ist bereits als Terrorist gebrandmarkt, bevor etwas
passiert, und als sich dann tatsächlich etwas Ungewöhnliches mit kriminellem Einschlag
ereignet, steht das Urteil der Bewohner fest... Autor Andreas Maier lebt selbst in Südtirol und kennt Land
und Leute daher sehr gut. Er zeichnet das Bild einer dörflichen Gemeinschaft, die
eigentlich noch in einer vor-medialen Welt lebt und mit dem Einbruch der äußeren Welt
nicht richtig umzugehen weiß. Alles, was nicht ins eigene Weltbild passt, wird
schnell zu vordergründigen Theorien mit eindeutiger Verteilung von Gut und Böse
umgedeutet. Dabei steht bei den hand- festen Vorurteilen nicht zielgerichtete Bosheit
sondern reine Hilflosigkeit Pate. Die aus dem eigenen Erfah- rungshintergrund nicht
erklärbaren Ereignisse müssen auf dessen Horizont eingedampft und in die erfassbare Welt
integriert werden.
Aus diesen vorder- gründigen Theorien und Ver- mutungen erwächst im Laufe der genau betrach- tet trivialen Ereignisse geradezu eine Groteske aus sich gegenseitig übertrumpfenden und wider- sprechenden Behauptungen und Schuldzuweisun- gen. Dabei reichen die exekutiven und logisti- schen Fähigkeiten der Einwohner noch nicht einmal zu einem richtigen Progrom gegenüber den vermeintlichen Terroristen. Alles bleibt am Stammtisch und hinter dern Gardinen der Woh- nungen. Selbst dem Fernsehen gegenüber, das aufgrund des vermuteten Terroranschlags im Ort erscheint, äußert man die eigenen Theorien eher mit eingebautem Vorbehalt. Dass am Ende alles im Sande verläuft ist ebenso konsequent wie die Tatsache, dass auch nach der eher banalen Aufklärung niemand seine eigenen Vermutungen zurücknimmt oder gar darüber lachen kann. Frei nach dem Motto: "wo Rauch ist, muss auch Feuer sein"....
Andreas Maier hat mit diesem Roman eine durchaus stimmige Beschreibung eines gesell- schaftlichen Mikrokosmos gegeben, der sich selbst genug ist und seine Wertmaßstäbe alleine aus dem eigenen Erfahrungshorizont bezieht, so eng dieser auch sein mag. Ermüdend bei der Lektüre wirken allerdings einerseits die durchge- hend indirekte Rede und andererseits das Fehlen jeder Kapitel- oder Absatzstruktur. Der gesamte Text von 214 Seiten präsentiert sich dem Leser als ein einziger, ungegliederter Satzstrom.
Der Roman ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 3-518-41340-6 erschienen.
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