| Jana Hensel: "Zonenkinder" |
| Bericht über eine Zwischengeneration | |
Die Wende 1989 in der DDR und die kurz darauf ein- setzenden - friedlichen -
politischen Umwälzungen haben die Lebensläufe eines ganzen Landes umge- worfen und in
Frage gestellt. Das man als "Ossi" auf einmal den besserwisserischen
Westlern mit ihrer Siegermentalität gegenüberstand, war schon schlimm genug, aber
darüber hinaus musste sich jeder fragen, wie er sein bisheriges Leben beurteilen und das
bevor- stehende bewältigen sollte. Für die ältere Generation zeigte sich bald die
Inkompatibilität der Lebensum- stände und die Schwierigkeit, die gewachsene Menta-
lität umzukrempeln. Die Generation zwischen zwanzig und dreißig atmete auf und
versuchte, die Vergangen- heit zu vergessen, und die Kleinkinder würden sowieso als
Bundesrepublikaner aufwachsen. Eine Generation jedoch fühlte sich zwischen den Stühlen
sitzend: die damals Zwölf- bis Fünfzehnjähri- gen. Noch nicht mit der DDR verwachsen
dank kindli- cher Naivität und mit einem "nur" kindlichen Heimat- gefühl
versehen, standen sie verständnislos vor den so plötzlich veränderten Lebensumständen.
Die junge Autorin Jana Hensel, Jahrgang 1976, hat dem Lebens- gefühl dieser
DDR-Generation in ihrem Buch Ausdruck gegeben. Sie verzichtet dabei auf die Romanform und
berichtet geradlinig und ehrlich über ihre Sicht der neunziger Jahre, als sie vom Kind
zur jungen Frau heranwuchs. Mit untrüglichem Instinkt erkennt sie die Befangenheit und
Erstarrung der eigenen Eltern, einschließlich des Makels der durch die plötzlichen
Arbeitslosigkeit ausgewiesenen "Nutzlosigkeit" dieser Generation. Sie berichtet
von der Unsicherheit sich zu kleiden, so dass noch jahrelang die "Ossis" schon
von weitem an Haarschnitt und Kleidung zu erkennen waren, weil sie entweder falsche
Kleider trugen oder die richtigen Kleidungsstücke falsch kombinierten. Die westlichen
Studenten ind Berlin ließen sie eiskalt ihr Hinterwäld- lertum spüren und bezogen
daraus eine grundlegendes Überlegenheitsgefühl, das im Westen noch heute fortwirkt.
Selbst der einfachst gestrickte Westler hat in dem "Ossi" immer noch seinen
Ostfriesen, dem er "per definitionem" überlegen ist.....
Jana Hensel hütet sich jedoch vor simpler Schwarzweiß-Malerei und vor der verführerischen Flucht in Larmoyanz und pauschale Westler- Ablehnung. Ohne soziologisches Vokabular zu strapazieren liefert sie in ihrem Buch eine tref- fende Analyse einer Gesellschaft, die sich in den neunziger Jahren bereitwillig in die Rolle der Sieger und Besiegten fand, und beschreibt auch ihre eigene eifrige Anpassungssucht. Die Ironie dabei liegt gerade in der Ehrlichkeit und in dem Fehlen jeglicher Rechtfertigung oder Anklage. Sie beobachtet und beschreibt und erfüllt damit die vornehmste Pflicht des Schriftstellers, eigene Emotionen und Urteile hinter die genaue Beob- achtung zu stellen. Auch ohne verbale Attacken kommen die "Wessis" nicht gerade gut weg und ohne wortreiche Verteidigung erfährt die Genera- tion der Ost-Eltern doch ihre Würdigung und Anerkennung ihrer Lebensleistung.
Wer ein unbefangenes und unbestechliches Bild dieser Zeit aus "Ossi"-Sicht gewinnen will, sollte dieses Buch unbedingt lesen. Es ist im Rowohlt- Verlag unter der ISBN 3-498-02972-X erschienen und kostet 14,90 €.
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