Ferdinand Schmatz: "Portierisch"

Gedanken-Puzzle aus der österreichischen Provinz
 

 

"Portierisch" kommt von Portier und bezeichnet laut dem Autor in Österreich den Hausmeister, also eine eher untergeordnete Persönlichkeit. Der Ich-Erzähler betrachtet in diesem Buch, das den Rahmen eines üblichen Romans sprengt, seine Umwelt aus der Sicht eines solchen "Portierischen".

Eine Handlung im klassischen Sinne lässt sich diesem Buch kaum entnehmen, eher eine Folge eng mitein- ander verknüpfter Assoziationen und Gedankengänge. Schmatz unterteilt seinen Bericht in zehn Kapitel, die jedoch nicht einen Handlungsfortschritt im üblichen Sinne wiedergeben, sondern eher als Motto des jewei- ligen Gedankenkomplexes zu sehen sind.

Ausgangs- und Bezugspunkt sind die Frau - Belinda - und deren Vater, der unerwartet nach einer Herzopera- tion gestorben ist. Dieser Tod steht jedoch im weiteren Verlauf nicht etwa für den tragischen Beginn einer Rückblende oder einer Biographie, sondern bleibt biologischer Fakt ohne erschütternde Wirkung.  Doch immer wieder dienen der Schwiegervater und sein Tod als Assoziation und Bebilderung der Befindlichkeit im Fustritztal, dessen Name nicht zufällig lautmalerisch dem "Frust" ähnelt.

Schmatz´ Gedankengänge entwickeln sich absatz- weise auseinander, wobei oft eines der letzten Wörter eines Absatzes als Ausgangspunkt für den nächsten dient, wie bei dem bekannten Kinderspiel, bei dem die Mitspieler aus dem letzten Teilwort des Vorgängers ein neues zusammengesetztes Wort finden müssen. Bei Schmatz ergeben sich daraus oft überraschende Volten und Wendungen der Gedankengänge, die nicht   selten auch in die Niederungen des Kalauers führen. Diesen nimmt er jedoch explizit und verbal in seine Betrachtungen mit auf und entschärft damit mögliche Kritik. Im Handlungskontext weist er die Rolle des Kalauernden seinem Courier Neu genannten "alter ego" zu. Der Name dieses Gefährten ist selbst bereits ein Kalauer, da er auf den bekannten Schrifttyp verweist, der sich von der Scheibmaschine in die PC-Welt gerettet hat.

Der kalauernde und mit der Sprache spielende "Courier Neu" steht unter anderem auch für den Schriftsteller "an sich", weniger als Satire oder Parodie denn als Metapher. Denn bei Schmatz entwickelt sich der Kalauer als natürliche und damit fast erlaubte Folge des Wort- und Sprach- spiels, und seine intellektuelle Schwäche ist wohl eher dem Ausreizen dieses Spiels als der geisti- gen Beschränkung des Urheber eines Kalauers zuzuschreiben.

Aber nicht nur um Sprachkalauer geht es in die- sem Buch sondern immer wieder um mensch- liche Beziehungen, um die Psychologie des Zusammenlebens im Kleinen und Großen, um verdrängte Ängste und Komplexe und um die Entlarvung von Borniertheit und Beschränktheit. Einfach zu lesen ist dieses Buch nicht, da es einer durchgängigen Handlung entbehrt und sich die Gedanken im Verlauf der Kapitel in großen Kreisen drehen und wiederholen. Dennoch ist es als Beispiel einer experimentellen Literatur und aufgrund der Ernsthaftigkeit des Unterfangens lesenwert. Allerdings muss man nicht alle Kapitel durchlesen. Einige stehen hier für alle.

Das Buch ist im Haymon-Verlag unter der ISBN 3-85218-362-6 erschienen und umfasst 155 Seiten.