| John Updike: "Rabbit - eine Rückkehr" |
| "American Beauty" literarisch | |
Eine Schlüsselszene dieses neuen Buchs des amerikanischen Erfolgsautors
besteht darin, dass sich die Protagonisten des Romans gemeinsam den Film "American
Beauty" ansehen und anschließend im Auto kurz darüber unterhalten. Gerade diese -
teilweise oberflächlliche, teilweise angstvoll verdrängende Scheindiskussion erweist
sich als Selbstreferenz, spiegelt doch der Film tatsächlich die Konflikte und das
Bewusstsein von Updikes Helden wider. Die Zuschauer haben sich selbst gesehen, wollen es
jedoch nicht wahrhaben. Hauptperson dieses Romans ist trotz mittlerweile
eingetretenem Tod Harry "Rabbit" Angstrom, der Held einer ganzen Reihe von
früheren Romanen Updikes und selbst eine Art Archetypus der amerikanischen Gesellschaft.
Der jugendlich-draufgängerische, sich seiner selbst gewisse und selten rücksichtsvolle
Rabbit hat seinem unsteten Lebenswandel Tribut zahlen müssen und das Zeitliche gesegnet.
Zurück bleiben diverse ehemalige Ehefrauen sowie eheliche wie außereheliche Kinder mit
verschiedenen Frauen. Die Handlung setzt damit ein, dass sich bei Rabbits letzter,
mittlerweile mit einem alten Feindfreund Rabbits verheirateten Ehefrau Janice eine Frau um
die vierzig meldet, die sich als weiteres außereheliches Kind des Verstorbenen ausgibt.
Ihre anderweitig verheiratete Mutter habe ihr den Fehltritt auf dem Sterbebett gestanden
und sie wolle jetzt zu ihren Wurzeln zurückkehren. Die Befürchtung der Familie, es
handle sich hier um eine Erbschleicherin, erweist sich als unbegründet, Annabelle will
lediglich ihre Familie kennenlernen. Der geschiedene Nelson, ebenfalls von Rabbit mit
einer anderen Frau gezeugt, kann ihre Situation nachfühlen und bietet ihr brüderliche
Hilfe an. Die gemeinsame Familienfeier an Thanksgiving gerät jedoch zum Desaster,
da der Rest der Familie Annabelle als wandelnden Beweis ihrer ehebrecherischen Eltern
schneidet und geradezu aus dem Haus jagt. Nur Nelson hält zu ihr, der selbst nach seiner
Ehescheidung zwischen den Stühlen sitzt und mit seinen Kindern nur noch per E-Mail
korrespondiert. Es passiert in diesem Roman nichts Aufregendes. Nach dem
besagten Kinobesuch zu Sylvester 1999 kommen sich Nelson und seine Ex wieder näher, die
Familie entschuldigt sich mehr oder minder verschämt bei Annabelle für das schlechte
Benehmen, Annabelle findet endlich in dem unglücklichen Billy einen verlässlichen
Lebenspartner und sogar Nelson kehrt wieder zu seiner ehemaligen Frau zurück.
Nicht eine spannende Handlung macht den Reiz dieses Buches aus, sondern die genaue Beobachtung und treffende Charakterisierung der Personen, in denen Updike mit sicherem Blick die ganze Bandbreite der amerikanischen Mittelschicht widerspiegelt. Wie in dem zitierten Film "American Beauty" finden sich hier ungeordnete Ehen, brüchige Beziehungen und Kinder aus den verschiedensten Beziehungen. Leben und Reden der Protagonisten weisen selten Tiefgang und ein Übermaß an Reflexion auf, zeigen jedoch in der Zuwendung zum Augenblick und dem praktischen Leben eine außerordentliche Vitalität. Updikes versteckte Botschaft folgt eher - welch Ironie! - der Marxschen Maxime "Das Sein prägt das Bewusstsein" denn der idealistischen Hegelschen Umkehrung. Die Menschen lassen sich in Beziehungen fallen und lösen sich wieder daraus, sind nicht von "des Gedankens Blässe angekränkelt", verlieren jedoch auch nie den Lebensmut. In der nüchternen, nahezu ereignislosen Schilderung des amerikanischen Mittelstandes lässt sich bei aller treffenden und oft treffend-sarkastischen Darstellung die Liebe Updikes zu seinem Land und seinen Bewohnern erkennen. Dabei gelingen ihm zwingende Szenerien, z.B. die psychologische Vivisektion einer Bridgerunde oder die ungezügelten vulgär-erotischen Ausfälle des Hausherren gegen das neue Familienmitglied.
Das Buch ist im Haymon-Verlag unter der ISBN 3-498-06879-2 erschienen und umfasst 253 Seiten.
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