Marcel Reich-Ranicki: "Frauen dichten anders"

Frauen-Gedichte aus der Sicht unserer Zeit
 

 

In diesem umfangreichen Band hat sich Marcel Reich- Ranicki nicht nur der Aufgabe gewidmet, die Gedichte bekannter und weniger bekannter Frauen der letzten Jahrhunderte aus dem deutschen Sprachraum zusammenzustellen, sondern er hat auch seine Zeitgenossen aus dem literarischen Umfeld um Interpretationen und Kommentare gebeten. Dabei hält er selbst sich vornehm mit einer einzigen Kritik - bei insgesamt 181 Gedichten - zurück und lässt die Anderen zu Wort kommen.

Unter den "Damen der Gedichte" findet man bekannte Namen wie Ingeborg Bachmann, Annette von Droste Hülshoff, Ricarda Huch, Else Lasker- Schüler, Nelly Sachs, Elisabeth Langgässer, Marie Luise Kaschnitz, Isle Aichinger, Friederike Mayröcker und Sarah Kirsch, aber auch seltene Blüten wie Karoline von Günderode, Mathilde Wesendonk (Wagner!) und sogar - etwas außer Konkurrenz - Friederike Kempner, den "Schwan von Schlesien".

Allein schon die Anthologie dieser Gedichte lohnt die Anschaffung des Buches. Durch die Kommentare heutiger Zeitgenossen gewinnt der Band jedoch erst so richtig an Farbe. Denn Reich-Ranicki hat den Kom- mentatoren offensichtlich keine Vorgaben gemacht. Sie können nach Belieben entweder sachlich, literatur-historisch, gesellschaftspolitisch oder poetisch über das jeweilige Gedicht und die Autorin schreiben.

Die Autoren - und hier findet man Namen wie Karl Krolow, Horst Bienek, Günter Blöcker, Robert Gernhardt, Ulla Hahn, Peter Härtling und Wolfgang Hildesheimer, um nur Einige zu nennen - entledigen sich Ihrer Aufgabe durchweg mit viel Engagement, Esprit und auch Witz.

Immer wieder kommen dabei auch die jeweiligen Zeitumstände zur Sprache und die Einbindung der einzelnen Autorinnen in ihre Umwelt. Wenn man einmal anfängt, in diesem Band zu schmö- kern, findet man kein Ende mehr. Um es salopp mit Heinz Ehrhardt (honi soit qui mal y pense...) auszudrücken: "Noch´n Gedicht"!

Ein ausführliches Register der Interpreten und eine Liste aller Gedichte ergänzen die Antho- logie; doch das zu erwartende Register der Autorinnen sucht man vergeblich.

Das Buch ist im Insel-Verlag unter der ISBN 3-458-17117-7 erschienen und umfasst 859 Seiten.