Marcel Reich-Ranicki: "Hundert Gedichte des Jahrhunderts"

Eine Auswahl mit Interpretationen zeitgenössischer Kritiker und Autoren
 

 

So wie Reich-Ranicki in "Frauen dichten anders" die Frauenlyrik aus mehreren Jahrhunderten vorgestellt hat, so präsentiert er in diesem Band nach dem gleichen Muster die - seiner Ansicht nach - bedeu- tendsten hundert Gedichte des gerade vergangenen Jahr- hunderts. Auch hier überlässt er die Interpre- tation weit gehend bekannten Experten aller Rich- tungen und beschränkt sich auf eine Vorwort, in dem er ausdrücklich einen eventuell aufkommenden Verdacht ausräumt, es handele sich hier um die "besten" Gedichte. Schließlich könne man an Poesie nicht die Maßstäbe des Sports anlegen.

Der Einfachkeit halber hat er die Anthologie chrono- logisch aufgebaut, fängt mit Ricarda Huch an, spen- diert erstaunliche fünf Gedichte dem oft als esote- risch-jugendbewegten denunzierten Stefan George, den er damit rehabilitiert und dessen sprachliche Ausdruckskraft er vorführt, nimmt so unterschiedliche Geister wie Else Lasker-Schüler und Christian Morgenstern auf; Klabund, Trakl und Hesse kommen bei ihm zu Wort und viele andere mehr. Es wäre müßig, an dieser Stelle alle Lyriker aufzuzählen, die Reich-Ranicki für erwähnenswert hält. Alle, die sich einen Namen gemacht haben, finden sich hier wieder und werden nicht nur zitiert sondern auch von berufe- nem Munde interpretiert. Zum Ende des Jahrhunderts dürfen natürlich nicht fehlen Sarah Kirsch und Wolf Biermann, Robert Gernhardt und Spätfeind Günther Grass. Und als Clou zum Schluss hat er ausgerech- net Ulla Hahn ausgewählt, die ihn nach der letzten Romankritik - angeblich - nicht mehr grüßt.

Zu den Interpreten zählen Namen wie Reinhart Baumgart, Horst Bienek, Milo Dor, Iring Fetscher, Ulla Hahn (!), Hartmut von Hentig und Karl Krolow, um nur einige bekannte Namen aufzuzählen.

Die Interpretationen sind durch die reiche Aus- wahl von Autoren in Stil und Inhalt vielfältig und beleuchten die verschiedensten Aspekte eines Gedichtes, mal psychologisch, mal gesell- schaftlich, mal politisch. Allen Interpreten ist gemein, dass sie sich Mühe mit ihren Beiträgen gegeben haben und dabei nicht in seitenlange Exegesen verfallen sind. Wer in der Schule bei Lyrik abgeschaltet hat, kann hier das Versäumte nachholen. Es wird dringend empfohlen!

Ein ausführliches Register der Interpreten und eine Liste aller Gedichte ergänzen die Antho- logie; und hier findet man schließlich auch ein Register der Autoren.

Das Buch ist im Insel-Verlag erschienen (keine ISBN-Angabe!) und umfasst 480 Seiten.