| Christoph Hein: "Der fremde Freund - Drachenblut" |
| Novelle über die Amputation einer Seele | |
In dieser 1982 enstandenen Novelle schildert Christoph Hein das
perspektivelose Leben einer jungen Ärztin im damaligen Ostberlin. Man muss den
politischen Hintergrund kennen, um die Codierung dieses Buches zu verstehen. Damit ist
nicht die mehr oder minder gelungene Kaschierung einer politischen Kritik zu verstehen
sondern die Transformation dieser Kritik ins Allgemeine, wodurch sie Zeitlosigkeit
gewinnt. Die Ich -Erzählerin lässt anlässlich der Beerdigung ihres
unerwartet verstorbenen Freundes ihr Leben vor und nach dieser Beziehung an sich
vorbeiziehen und zieht dabei ein Resume der letzten 30 Jahre. Bereits auf den ersten
Seiten erschrickt die Kühle und Distanz gegenüber dem letzten Dienst an dem Intimfreund,
der kurz nach dem Ableben nur noch wie eine verblassende Episode wirkt. Im Rückblick
erfährt der Leser von der gescheiterten ersten Ehe, eher ein Irrtum als eine emotionale
Katastrophe. Die Prota- gonistin hat sich in ihrem alltäglichen Klinikjob und in ihrer
kleinen Einzimmerwohnung eingerichtet. Der Freund dient eher dem Zeitvertreib und dem
Ausgleich des Hormonhaushaltes als der Erfüllung eines inneren Bedürfnisses. Die
halbjährlichen Besuche bei den Eltern - ja selbst die Anrufe bei ihnen - sind eher
lästige Pflicht denn Bedürfnis, und die Beziehungen zu befreundeten Paaren zeichnen sich
eher durch abgeschmackte Begleitumstände aus. Die junge Frau hat sich buchstäblich einen
emotionalen Panzer umgelegt, sie hat "in Drachenblut gebadet", um unverwundbar
zu sein, und dabei auch auf fallende Blätter geachtet.... Eine Reise zurück an den Ort ihrer Kindheit löst
schließlich das Rätsel ihrer beinahe autistischen Distanz: als Kind hat sie
bedingungslos eine Klassenkameradin geliebt, deren Eltern auch in der DDR zu ihrer
Relogion standen. Unter dem Druck der Gesellschaft wird nicht nur die Freundin allseits
unter Druck gesetzt und geächtet, sondern schließlich auch von der Protagonistin selbst
schäbig verraten. Diesen Verrat, angefacht und begünstigt durch die Gesellschaft, hat
die Frau sich und den eigentlich Schuldigen niemals verziehen und sich deshalb in ihr
eigenes Scheckenhaus zurückgezogen.
Sie funktioniert und stellt der Gesellschaft ihre Dienste zur Verfügung, verweigert dem Leben gegenüber jedoch jegliches innere Engagement. In einer geradezu erschreckenden Aussichts- losigkeit sieht sie bereits als Vierzigjährige dem Lebensende entgegen.
Der Verzicht auf eine plakative Entlarvung der gesellschaftlichen Hintergründe und die Beschränkung auf eine scheinbar wertfreie Schilderung der Abläufe löst dieses Buch von dem je aktuellen Zeitkolorit und verdeutlicht, dass jede Gesellschaftsform ihre Mitglieder auf diese Weise seelisch verstümmeln kann. Von daher erübrigt sich der moralische Zeigefinger auf die Zustände im "real existierenden Sozialismus" der DDR, auch wenn dieser hier Pate stehen muss. Die Zwänge des kapitalistischen Systems können fast identische Auswirkungen haben.
Christoph Hein beschreibt in dieser Novelle im Grunde genommen die weit gehende seelische Amputation des Menschen in einer zunehmend durchorganisierten und effizienten Gesellschaft, die dem Einzelnen immer weniger Möglichkeiten zu Selbstentfaltung einräumt.
Das Taschenbuch ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 3-518-39976-4 erschienen und kostet 7,50 €.
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