Leon de Winter: "Malibu"

Ein Roman über Zufall und Notwendigkeit
 

 

Leon de Winter beginnt seinen Roman "Malibu" mit einer Verkettung von Zufälligkeiten. Da ist die Rede von der San-Andreas-Verwerfung in Kalifornien, von den "U-Haul-Trucks", die zum Transport größerer Güter dienen und im mobilen Amerika ein Riesen- geschäft darstellen, oder von einer undichten Ölwanne eines Lastwagens. Der Leser ist verunsichert, weil er nicht so recht weiß, welchen Reim er sich auf diese scheinbar   zusammenhangslosen Ereignisse machen soll. Erst viel später fügen sich alle diese kleinen Puzzleteile zu einer Tragödie zusammen.

Miriam, Joop Koopmans Tochter, will ihren 17. Geburtstag mit ein paar Freunden in einem Strand- hotel feiern. Morgens gratuliert ihr der Vater und wird sich bewusst, dass seine Tochter eine erwachsene junge Frau geworden ist. Mittags ist Koopman mit seinem ehemailgen Schulfreund Philip verabredet, der ihn für den israelischen Geheimdienst gewinnen will. Noch während die beiden Freunde miteinander reden, erfährt Joop, dass seine Tochter einem Verkehrsunfall zum Opfer gefallen ist und schwer verletzt im Kran- kenhaus liegt. Als Miriam schließlich verstirbt, bricht für Joop eine Welt zusammen, und fast im Trance gibt er das Herz seiner Tochter für eine Transplantation frei. Danach verfällt er in Depressionen, und es ist augerechnet God, ein Hüne von einem Schwarzen, auf dessen Motorrad Miriam verunglückt ist, der ihn aus seinem Seelentief herausholt.

Für den Leser, der die weitere Handlung mit atemloser Spannung verfolgt und mit Überraschung an Joops weiterem Schicksal teilnimmt, stellt sich die Frage: besteht das Leben aus einer Aneinanderreihung von zufälligen Umständen oder steht hinter allem eine Logik oder gar ein Plan, der ein sehr klares Ziel verfolgt? Diese Fragestellung zieht sich durch den gesamten Roman. Es geht dabei um Leben und Sterben, um Beziehungen, Freundschaften, um geplante und zufällige Bekanntschaften mit anderen Menschen. Es geht eigentlich um alle wichtigen Dinge, die unser Leben ausmachen.

Das Spannende am Leben ist jedoch, dass unsere Planung nicht aufgeht, dass immer neue Zufälle im positiven wie im negativen Sinne unserem Leben eine völlig neue Richtung geben. Was eben noch ein großer Schicksalsschlag war, führt bald darauf zu neuen Chancen, und so heißt es, immer in Bewegung zu bleiben.

Mit leichter Hand hat de Winter einen hintersinni- gen Roman geschrieben. Der weibliche Akt von Henri Matisse auf dem Buchumschlag wurde von dem Künstler ebenfalls mit leichter Hand aus blauem Papier geschnitten. Übrigens ist das eine Technik, die Matisse erst im Alter anwendete, als er nicht mehr malen konnte, weil er durch eine Krankheit an den Rollstuhl gefesselt war. Auch hier führten Schicksalsschläge einen Menschen, der eigentlich Jurist war, auf eine völlig neue Lebensschiene.

Das Buch ist im Diogenes-Verlag unter der ISBN 3-257-06347- 4 erschienen und kostet 22,90 Euro.