Hans Magnus Enzensberger: "Museum der modernen Poesie"

Ein Rückblick auf Gedichte von 1910 bis 1945
 

 

Poesie im 20. Jahrhundert unterscheidet sich grund- legend von ihren Schwestern in den Jahrhunderten davor. Die Naivität der Naturbetrachtung und die Huldigungen an Liebe und Freundschaft sind einem nahezu sprachlosen Entsetzen über die Schrecken des vergangenen Jahrhunderts gewichen, das die Autoren zwang, mühsam wieder zu einer neuen Sprache zu finden. Nicht umsonst hat Adorno gesagt, nach Auschwitz könne man keine Gedichte mehr schreiben. Und doch sind auch nach diesem Tiefpunkt menschlicher Rohheit wieder Gedichte enstanden, und heute besetzt die Lyrik einen wenn auch kleinen so doch stabilen Sektor der Literatur.

Erstmals 1960 hat sich Hans Magnus Enzensberger der Aufgabe gewidmet, Dichter des 20. Jahrhunderts in einem eigenen Poesieband zusammen zu führen, und hat weltweit 350 Gedichte von über 100 Autoren gesammelt. Viele der zitierten Dichter waren damals weit gehend unbekannt, haben sich jedoch in den letzten vierzig Jahren einen Platz in der Weltliteratur "erdichtet". Daher ist es reizvoll und dem Verlag zu danken, die Anthologie nach über vier Dekaden als Taschenbuch neu aufzulegen. Der Leser findet nicht nur viele bekannte Namen wieder - manche sind mittlerweile geradezu Klassiker geworden - sondern gewinnt auch einen EIndruck von der literarisch-welt- anschaulichen Lage Anfang der sechziger Jahre, als der Zweite, "heiße" Weltrieg noch in schrecklicher Erinnerung war und der neue, "kalte" allen im Nacken saß.

Enzensberger hat das Buch zweisprachig aufgebaut. Auf der linken Seite erscheint grundsätzlich das Ori- ginal eines Gedichtes, wenn nötig auch in kyrillischen Buchstaben, rechts die deutsche Übersetzung. Für den Leser ergibt sich hier die reizvolle Möglichkeit - wenn er denn die jeweilige Fremdsprache versteht - Übersetzung als Nachdichtung zu begreifen und sich mit der deutschen Form Wortes auseinander zu setzen.

Darüber hinaus hat Enzensberger die Gedichte nach verschiedenen Themen grob strukturiert. Er beginnt mit "Augenblicken", in denen der Schwerpunkt auf Situationen und Grundelementen wie Tag und Nacht liegt, geht weiter über "Ortschaften", in denen unter Anderem der Reiz und der Schrecken der Städte aufscheint, und landet beim "Meer", das schon immer die Poeten fasziniert hat.

Weiter geht es zu den "Gräbern", einer Sammlung von Gedichten über Tod und Vergänglichkeit, um dann abrupt ins Gegenteil, zu "Hochzeiten", umzu- schwenken. Weiter geht es mit den Themen "Klagen", "Panoptikum" (Kunst und Theater), "Figuren", "Meditationen" und schließlich "Zeitläufte", die das 20. Jahrhundert ins Visier nehmen.

Es wäre müßig, hier all die Autoren aufführen zu wollen, die zu diesem Band beigetragen haben. Bemerkenswert ist jedoch, dass in nahezu allen Themenbereichen immer wieder die selben Namen auftuchen, sei es nun Aragon, Brecht, Eliot, Garcia Lorca, Majakowski, Neruda, Pessoa oder Trakl, um nur einige in alphabetischer Rei- henfolge zu nennen. Dies zeigt die Ausdrucks- breite vieler Autoren, die sich in einer weiten Palette von Themen niederschlägt. Daneben gibt es die kleinen, feinen "Nischendichter", die sich auf bestimmte Themen beschränkten und diese aus verschiedenen Perspektiven beleuchteten.

Enzensberger hat den Gedichten noch ein Nach- wort hinzugefügt, in dem er den Begriff der "modernen Poesie" erläutert und den historischen Hintergrund ausleuchtet. Eine kurze Bemerkung zur Neuauflage sowie ein umfangreiches Auto- renregister schließen das Buch ab, es fehlen jedoch - leider - ein Inhaltsverzeichnis und Kom- mentare zu den einzelnen Gedichten. Letztere hätten jedoch wahrscheinlich den Rahmen dieses Buches gesprengt, und so muss sich der Leser ohne Interpretationshilfe mit den einzelnen Gedichten auseinandersetzen.

Der einzige "Nachteil" dieses Buches liegt darin, dass man bei einem gelegentlichen Durchblättern nicht mehr davon loskommt und sich über Stunden "verlesen" kann.

Das "Museum der modernen Poesie" ist im Suhrkamp Taschenbuch-Verlag unter der ISBN 3-518-39946-2 erschienen und kostet 19,- Euro.