Dieter Borchmeyer: "Richard Wagner"

Wesentliches über Werke und Wirkung
 

 

Wie nicht Wenige wissen, teilt sich die Welt in Wagnerianer und Nicht-Wagnerianer. Während Bach, Beethoven, Brahms und Mozart weitgehend einhellige Beurteilungen erfahren, von modischen Abweichlern einmal abgesehen, scheiden sich an dem kleinen, großen Musiker aus Sachsen die Geister. Nicht zuletzt ist dies auch dadurch bedingt, dass er tausend bzw. zwölf Jahre lang die falschen Bewunderer fand. Das hängt ihm, der dafür wahrlich nichts konnte, heute noch an. Doch auch die Musik selbst verstört Viele durch ihre Absolutheit und drogenhafte Wirkung. Die Einen ertrinken gerne darin - nicht unbedingt die beste Rezeptionsweise -, die anderen bekämpfen diese Wirkung vehement.

Jetzt hat sich neuerlich ein Wissenschaftler daran gemacht, die Flut von Wagner-Büchern um ein weiteres anschwellen zu lassen. Dieter Borchmeyer versucht mit "Richard Wagner", das Werk und seinen musik- wie kulturhistorischen Hintergrund auszuleuchten. Schon der Titel ist Programm: das schlichte "Richard Wagen" ohne jeglichen kategorisierenden Zusatz besagt, dass sich hier jemand frei gemacht hat von Vor-Urteilen, falschen Symbolen oder Verklärungen. Borchmeyer verzichtet auch auf eine biographische Darstellung und widmet sich ganz Wagners Werk. Implizit kommt dabei doch einiges aus Wagners Leben zur Sprache, aber nur soweit es der Erklärung musikalischer Phänomene dient. Ob er nun mit Mathilde Wesendonk ......oder nicht, spielt in diesem Buch keine Rolle.

Borchmeyer, den wir hier als Autor bereits mit seinem Buch über die "Weimarer Klassik" zu Gast hatten, geht das Wagnersche Werk streng chronologisch an. Lange hält er sich mit den heute weit gehend unbekannten Frühwerken  wie "Die Hochzeit", "Die Feen" oder "Das Liebesverbot" auf und zeigt an diesen Beispielen, wie sich Wagners Art des Komponierens und auch seine grundsätzliche Weltschau entwickelt haben und wo er sich später treu geblieben ist. Nur scheinbar sind diese langen Ausführungen über Werke, die der Opernbesucher nie zu Gesicht und Ohren bekommen wird, langatmig. Bei aufmerksamer Lektüre vermitteln sie viele Informationen über den Komponisten.

Dann geht er die unterschiedlichen Opern-"Gattungen" durch, die man bei Wagner sehr schön nachvollziehen kann. Der "Rienzi" ist seine erste große und einzige historische Oper, noch ohne romantischen oder mythischen Hintergrund. Dann folgen die drei großen romantischen Opern "Der fliegende Holländer", "Tannhäuser" und "Lohengrin", wobei letzterer schon in den Bereich des Mythos weist. Mit viel Detailinformationen und einem weiten Interpretationsbogen  legt Borchmeyer die Strukturen und die dahinter liegenden philosophischen, religiösen und künstlerischen Grunderkenntnisse Wagners frei und beweist damit, dass Wagner viel mehr war als nur der Komponist mächtiger und berauschender Musik. Jedes Libretto ist bei ihm durchdacht - ein Novum, dass ein Komponist seine eigenen Libretti schreibt - und jedes Thema weist auf den großen Zusammenhang und die Idee hinter der gesamten Oper.

Hat Wagner in den romantischen Opern die Situation des Künstlers in der Welt - hin und her getrieben zwischen dem weltlich-sinnlichen und dem subjektiv-künstlerischen Bereich - thematisiert, so stellt er in "Tristan und Isolde" die mitleidende Liebe in den Mittelpunkt. Dies ist keine leichte Liebe Mozartschen Zuschnitts, sondern diese Liebe kann eigentlich nur in der Selbstaufhebung enden. Gleichzeitig verweist er von dieser Oper auf spätere Wagner-Werke, die ähnliche Grundmuster der Liebe entwerfen. Borchmeyer widmet gerade dieser Oper besonders viel Raum und Gedankentiefe.

Mit den Meistersingern unternimmt Wagner noch einmal einen Ausflug ins Gesellschaftliche unter besonderer Berücksichtigung der Rolle des Künstlers, und Borchmeyer widerlegt - wie nebenbei - das alte Vorurteil, die Figur des Beckmesser trage als Karikatur eines Juden eindeutig antisemitische Züge.

Mit der Tetralogie "Der Ring der Nibelungen" steigt Wagner laut Borchmeyer schließlich in die Tiefen des Mythos, dies jedoch nicht aus einer esoterischen Faszination durch mythische Geschichten, sondern weil für ihn die Menschheit im Mythos begründet ist und sich immer wieder aus ihm erneuert. In Borchmeyers Interpretation gewinnt dieses Werk klare und in sich schlüssige Strukturen, und dabei wird klar, dass es sich bei dem "Ring" wahrlich nicht um eine germanisch-nationalistische Heldensage handelt.

Der "Parsifal" schließlich ist für Borchmeyer das Bild der vollständigen Entsagung; Askese als Lebensform der Erkennenden. Er sieht darin letztlich die religiöse Weltsicht des alternden Wagners personifiziert.

Den "Werk-Biographien" hat Borchmeyer in einem zweiten, ausführlichen Teil noch einige umfangreiche Abhandlungen über Wagners Querbezüge zu anderen kulturellen Größen seiner Epoche hinzugefügt. Eine der bedeutendsten Beziehungen ist dabei die zu Goethe, obwohl sich beider Leben nur 19 Jahre überschnitt. Aber es ist einleuchtend, dass ein Künstler wie Wagner, der ursprünglich eigentlich Schriftsteller werden wollte und dort seine größere Begabung sah, stark vom "Weimarer Olympier" beeinflusst war. Borchmeyer sieht hier eine starke Affinität vor allem zum Faust. Danach werden noch die Einflüsse von Schiller - hier vor allem "Die Jungfrau von Orléans" -, die Hassliebe zu Heinrich Heine sowie seine Beziehungen zu bzw. sein Einfluss auf Grillparzer, König Ludwig II. ("Kini"), Bismarck und Nietzsche diskutiert. Auch Verdi wird noch als "Gegenspieler" eingeführt und Thomas Manns "Antwort auf Wagner" kommt auch noch zur Sprache.

Umfangreiche Zeittafeln und Register runden dieses so informative wie tief gründende Buch ab. Bleibt noch zu erwähnen, dass sich Borchmeyer einer flüssigen, leicht zu verstehenden Sprache bedient, die weit gehend auf musikwissenschaftliche oder philosophische Fachtermini und vor allem auf einen schwer verständlichen "Fachstil" à la Adorno verzichtet.

"Richard Wagner" ist im Insel-Verlag erschienen und umfasst 647 Seiten.