| Philip Roth: "Das sterbende Tier" |
| Ein Roman über die Vergänglichkeit des Sinnlichen | |
Dieser Roman gehört zu den Büchern, die
den Leser bereist auf den ersten Seiten fesseln. Man fühlt sich an Marcel Reich-Ranickis
Worte erinnert - man mag zu ihm stehen, wie man will - dass er nach wenigen Seiten bereits
entscheiden kann, ob sich die weitere Beschäftigung mit einem Buch lohnt. Diese Faszina-
tion rührt bei Philip Roth jedoch nicht von einer kom- pakten oder beschleunigten
Handlung her, sondern von dem intensiven und schnörkellosen Stil, der sofort zum
Wesentlichen der Geschichte vorstößt. David Kepesh, ein etwa siebzigjähriger
Literatur- Professor, erzählt aus der Ich-Perspektive über seine erotische Beziehung zu
der kubanischen Studentin Consuela. Seine erste und einzige Ehe hat er schon früh als
Irrtum erkannt - da er eine monogame Bin- dung grundsätzlich für unnatürlich und
einengend hält - und den Sohn aus dieser Ehe, der nur zwanzig Jahre jünger ist als er
selbst, bedauert er wegen seiner übereifrigen "political correctness", die er
auf die Enttäuschung über den ach so verantwortungs- losen Vater zurückführt. Ein
wenig verachtet er den eignen Sohn auch, da dieser es nicht geschafft hat, sich innerlich
vom väterlichen Feindbild zu lösen und ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen. So lebt
David alleine für sich und seine Leidenschaften: das Klavierspielen und junge Frauen. Der Ich-Erzähler schildert die letzten
zehn Jahre seines Lebens einem imaginären Gegenüber, der ein Freund, ein Biograph oder
auch ein höherer Richter sein könnte. Er legt so zu sagen eine nüchterne Lebensbeichte
ab, die jedoch nicht von Reue sondern lediglich von Neugier und Staunen über den Verlauf
eines Lebens geprägt ist. Ohne jegliches Zugeständ- nis an gesellschaftliche Normen
berichtet er von seiner "amour fou" zu der jungen Consuela, die sich
tatsächlich über einen längeren Zeitraum mit dem bereits alternden Akademiker einlässt
und daran offensichtlich Gefallen findet. Für David jedoch erweist sich diese Beziehung
zunehmend als "gestundete Zeit", da er genau weiß, dass sie ihn eines Tages
wegen eines jüngeren Mannes verlassen wird, so wie er selbst als junger Mann Älteren die
Frau ausge- spannt hat oder hätte. Und dieses Wissen entfacht in ihm eine ohnmächtige
Eifersucht, die er intellektuell sezieren aber emotional nicht verarbeiten kann. Auch
dieses Unvermögen erkennt er und sein Scheitern an ihm. Gerne würde er das drohende Ende
der Bezie- hung mit Leichtigkeit aufnehmen, aber es will ihm nicht gelingen. Geradezu
minutiös verfolgt er die Anzeichen seines beginnende körperlichen Verfalls, kaum
merklich anfangs, doch ausreichend, um ihn immer weiter von der begehrten Frau zu trennen. David versucht daher, die Beziehung zu
einer mög- lichst hohen Intensität zu steigern, die Dauer durch Tiefe ersetzen soll,
aber durchschaut seinen Selbst- betrug umgehend selbst. Seine eigene Tragik liegt darin,
dass seine Psyche und Physis wie ein gläser- nes Gebäude vor ihm liegt, das vor seinem
inneren Auge nichts verbirgt. Er verlangt von Consuela die intimsten, zeitweise nahezu
abstoßenden Vertrau- ensbeweise, nur um die Nähe zu steigern, doch er- kennt, dass er
das vermeintliche Glück auf die Dauer nicht halten kann. Die Zeit und das Alter fordern
ihren Tribut, und irgendwann verlässt Consuela ihn tatsäch- lich, eher beiläufig als
mit einem großen Eklat. Es war einfach Zeit.
Danach hat er sich in das Klavierspiel gestürzt, spielte sich als Dilettant durch die gesamte klassische Klavier-Literatur, nur um darüber das einmalige Erlebnis mit Consuela zu vergessen. In seiner Rückschau erkennt er, dass er sich auch dabei selbst getäuscht hat, denn verdrängen lässt sich die Zeit zwar, doch nicht vergessen. Und so ereilt ihn seine eigene Vergangenheit plötzlich, wenn Consuela überraschend den nun Siebzig- jährigen besucht, ihm von ihrer schweren Erkran- kung berichtet und von ihm einen letzten, intimen Dienst verlangt. Am Ende steht David wieder alleine dar, mit der quälenden Frage konfrontiert, ob Consuela überleben wird oder nicht. Ihm graut davor, dass ausgerechnet er, der immer Distan- zierte und dem Leben eher sarkastisch gegen- über Stehende, am Ende unter Umständen das Leben in Gestalt von Consuela überleben wird. Vor ihm breitet sich das finale Grauen des Alters aus, ohne dass er weiß, wie er diese letzten Jahre überstehen soll.
Philip Roth hat diese Abrechnung mit dem eigenen Leben in kompromissloser Weise umge- setzt. Ohne Schnörkel und aufgesetzte Ideen- gebäude schildert er die Situation des alternden Mannes, der sich seiner Situation vollständig bewusst ist. Dabei setzt er nicht die Mittel des klassischen Romans ein, die eine Situation und ihre Protagonisten von außen beschreiben und dabei mehr oder minder bewusst den ideellen Kontext des Autors mit einbringen, sondern zieht sich vollständig auf die Perspektive des Ich- Erzählers zurück, schildert das Leben so zu sagen durch das Fenster seiner Sinnesorgane und seines Empfindes. Gerade diese konsequent subjektivische Schau macht den Wert und die Wirkung dieses Romans aus. Die Aussage liegt in der vordergründigen Aussagelosigkeit und in der Einsamkeit des Verlierers
Das Buch ist im Hanser-Verlag unter der ISBN 3-446-20273-0 erschienen und kostet 16,90 Euro.
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