Arno Schmidt: "Die Umsiedler"

Eine Deutschlandreise in ein neues Leben
 

 

Arno Schmidt ist eher bekannt als unverständlich- verschrobener Autor des alle Buchnormen sprengen- den "Zettels Traum". Dass er auch kleinere, durchaus lesbare Bücher geschrieben hat, wissen so manche nicht. Daher erscheint es uns wichtig, diesen Autor wieder einmal mit solchen Werken vorzustellen.

Das vorliegende Buch mit gerade einmal 55 Seiten  erschien bereits 1953 und beschreibt novellenhaft die Suche von Umsiedlern aus dem Osten nach einer neuen Bleibe. Viele kamen damals in Niedersachsen an, das nicht alle Aussiedler aufnehmen konnte und sie teilweise in desolaten Übergangsunterkünften unterbringen musste. So machten sich viele auf in andere Bundesländer, wo sie Wohnung und hoffent- lich auch Arbeit finden würden.

Der Ich-Erzähler, heil aus dem Krieg zurück gekom- men, lernt bei der Abreise eine junge Frau kennen, die im Krieg einen Fuß und ihren Verlobten verloren hat. Krieg und Nachkriegszeit haben so viele Wunden hinterlassen, dass jeder den Anderen mit Misstrauen begegnet und sich abkapselt. Das Zufallspaar findet jedoch auf dieser Reise langsam zusammen und sieht sich am Zielort Alzey vor einer zwar nicht glanzvollen aber hoffnungsreichen da gemeinsamen Zukunft.

Es geschieht nicht viel auf dieser Reise. neben den beiden Protagonisten gewinnen die anderen Mitreisen- den Kontur: ein ehemaliger Schmied, der fürchtet, hier kein Auskommen zu finden, Großfamililen aus den verschiedensten Gegenden des ehemals Großdeut- schen Reiches, Ostpreußen, Schlesier, Sudeten- deutsche. Allen ist eine gewisse Resignation eigen, gewärmt von einem Funken Hoffnung. Auf der anderen Seite haben sie jetzt alle nichts mehr zu verlieren, und es kann nur noch besser werden.

Mit seiner damals schon im Ansatz vorhandenen knorrigen und eigenwilligen Sprache schildert Arno Schmidt Land und Leute nach dem verhee- renden Krieg. Sentimentalität und Mitleid haben bei ihm kein Platz, er schaut den Leuten auf´s Maul und spart nicht am Sarkasmen und Ironie. Viele Schmidt-Wortschöpfungen, die man nie wieder in dieser Form finden wird, verleihen dem Buch einen ganz eigenwilligen und bei aller sprachlichen Sperrigkeit kraftvollen und liebens- werten Charakter. In diesen Frühwerken sind Schmidts Sätze jedoch noch gut verständlich, die Wortkreationen und grammatischen Eigen- willigkeiten seiner späten Jahre haben sich hier noch nicht voll entfaltet.

Das Buch ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 3-518-41357-0 erschienen und kostet 12,90 Euro.