| Thomas Bernhard: "Holzfällen" |
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Hellsichtiger Hass mit Rückwirkung |
Thomas Bernhards Roman ist keine Neuerscheinung, sondern bereits im Jahre 1984 erschienen. Wir wollen ihn hier dennoch vorstellen, da Marcel Reich-Ranicki ihn in seinen "Kanon der deutschen Literatur" aufgenommen. Bedenkt man, dass sich dieser Kanon über mehr als zweihundert Jahre erstreckt, bei Goethes Werther beginnt und nur zwanzig Romane umfasst, so liegt in der Aufnahme dieses Romans eine besondere Würdigung, mag man zu dem Auswählenden stehen wie man will. Wir wollen an dieser Stelle jedoch nicht Reich-Ranickis Begründung wiederholen - das kann jeder Leser selbst tun - sondern ein Licht auf den Roman selbst werfen. Ein Schriftsteller um die fünfzig trifft in Wien auf der Straße - genauer: auf dem Graben - alte Bekannte wieder, denen er sich seit einem Vierteljahrhundert entzogen hatte, und sagt spontan zu einem künstlerischen Abendessen mit einem Burgschauspieler zu. Der Anlass dazu ist die Beerdigung der Künstlerin Joana, einer gemeinsamen Bekannten, die sich das Leben genommen hat. Das Buch beginnt mit dem Eintritt in die Wohnung des Ehepaars Auersberger, wo sich der Ich-Erzähler sofort in eine Ecke verzieht und die Vergangenheit mit diesem Paar Revue passieren lässt. Die Gedanken kreisen in einem einzigen langen Monolog nur um die Gesellschaft um die Auersbergers, Joana und den Burgschauspieler, den sich die wohlhabenden Gastgeber wie eine Trophäe wegen seines phänomenalen Erfolgs in Ibsens "Wildente" eingefangen haben. Die wohlhabenden Auersbergers kompensieren die fehlende eigene künstlerische Ader mit dem typischen Pseudo-Mäzenatentum, das sich in Abendessen erschöpft, bei denen die Gastgeber selbst im Mittelpunkt stehen. Zwar holt man sich dazu aktuelle Prominente ins Haus, doch im Grunde genommen sind diese nur Jagdtrophäen, die man den anderen Gästen zeigt. Das Ehepaar Auersberger hat sich selbst nie persönlich für die Kunst engagiert sondern strebt in erster Linie nach gesellschaftlicher Anerkennung. Der nur niedere Adel der Frau versperrt ihnen leider den Zugang zum bewunderten und beneideten Hochadel, der in der österreichischen Gesellschaft der achtziger Jahren immer noch eine Rolle wie zu k.u.k.-Zeiten spielt. So sieht jedenfalls Thomas Bernhard seine österreichische Heimat, und er rechnet in diesem Roman gründlich mit der ganzen Gesellschaft ab, die aus seiner Sicht verlogen, heuchlerisch und ohne jegliches inneres Engagement ist. Die Auersbergers stehen bei ihm natürlich für die gesamte Oberschicht, die sich zwischen Kunst und Knete eingerichtet hat, frei nach dem Motto: wer Geld hat, hat auch Kultur! Bernhard rechnet auch mit den Künstlern selbst ab. Der Burgschauspieler ist ein widerwärtiger Egozentriker, der die ihm gewidmete Abendeinladung schamlos für endlose Tiraden über seinen Erfolg in Ibsens "Wildente" und über unbegabte Autoren, Regisseure und Schauspieler - außer ihm natürlich - missbraucht. Natürlich hängt die Gesellschaft an seinen Lippen, und er steigert sich zu egozentrischen Höchstleistungen. Eine Schriftstellerin, die sich selbst mit den Großen ihres Fachs misst und doch nur mieses Mittelmaß erreichen, und verschiedene Jung-Schriftsteller runden das Panoptikum ab, das Bernhard hier vorstellt. Wie auch immer die Realität zu bewerten ist, der Moralist Bernhard, der nach Authentizät hungert und doch nur normale Menschen um sich herum sieht, hat die Welt so gesehen und auf die typischen gesellschaftlichen Mechanismen mit Wut und Hilflosigkeit reagiert. Wie soll man es auch verstehen, dass Künstler, die sich gern als Gewissen der Gesellschaft und integre, unbestechliche Beobachter der Menschen verstehen, bei der ersten Gelegenheit die Einladung zu den Reichen und Schönen annehmen und sich mit ihnen gemein machen. Wir sehen diese Verhaltensweise heute, im Zeitalter der Medien, noch in verschärfter Form. Ein Künstler, der sich nicht ins Rampenlicht stellt und mit den medialen (und gesellschaftlichen) Löwen brüllt, ist faktisch tot. Bernhard hat diesen Mechanismus erkannt aber nicht akzeptiert. Folgerichtig - aus seiner Sicht - hat er für alle Zeiten die Aufführung seiner Stücke in Österreich testamentarisch untersagt. Ob es in anderen Ländern anders ist, darf man bezweifeln. Immerhin erkennt er am Schluss des Buches, dass er nicht außerhalb dieser Gesellschaft steht und sich den angeblich neutralen Beobachterstatus gar nicht leisten kann. Entsetzt muss er feststellen, dass er um keinen Deut besser ist als die verachtete Gesellschaft, nachdem er sich mit Dankes- und Lobesworten von den verhassten Gastgebern verabschiedet hat und damit sich selbst untreu geworden ist. Am Ende sitzt er mit dieser ganzen Gesellschaft in einem Boot. Das
Buch
ist im Suhrkamp-Verlag als
Taschenbuch in der Reihe "Kanon" erschienen. Frank
Raudszus |