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Marcel Reich-Ranicki: "Der Kanon - 20 Romane und ihre Autoren"
 

 

Das ausgehende 20. und das angehende 21. Jahrhun- dert lieben Sammlungen und Richtlinien, auch und gerade in der Bildung. Diese, nicht mehr Privileg einer kleinen, herausgehobenen Schicht, ist längst zur Ware verdinglicht und verlangt damit einen bewerten- den Katalog, der den Käufer teurer Literatur vor pein- lichen Fehlern schützt. So wie viele Bildersammler vor allem das Wertobjekt schätzen und den eigentlichen Gehalt mehr oder minder ignorieren, so benötigt - wer auf sich hält - einen Kanon zu lesender Literatur, den man notfalls auch im "Smalltalk" erwähnen kann.

Genug des Sarkasmus. Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, sicher nicht einer vordergründigen literarischen Renommiersucht verdächtig, hat seine Empfehlung der Romane, die man gelesen haben sollte, in dem "Kanon" zusammengestellt und kom- mentiert. Der "Kanon" selbst besteht aus Neuauflagen der von dem Autor empfohlenen Werke sowie einem kleinen Übersichtsband, der hier zur Debatte steht. Aufschlussreich ist dabei der Vergleich mit der Aus- wahl "Klassiker - 50 Romane".

Reich-Ranicki verteidigt in seiner Einführung sein Recht, ja geradezu seine Pflicht, eine solche Liste obligatorischer Romane zusammenzustellen. Er übergeht souverän die skeptisch-zynische Ablehnung vieler Intellektuellen jedes ihrer Meinung nach klein- bürgerlichen Bildungskanons, verteidigt mit viel Herz- blut sein Engagement für einen verbindlichen Werte- vorrat in der Literatur und landet zwangsläufig bei der Frage: "Wozu brauchen wir überhaupt Literatur?". Natürlich beantwortet er sie entschieden in seinem Sinne, sonst hätte er den "Kanon" nicht zusammen- zustellen brauchen.

Der eigentliche Inhalt des Buches besteht aus den Lebensläufen der Autoren der seiner Meinung nach wichtigsten Romane der deutschen Literatur. Der Reigen beginnt mit Goethe ("Werther" und "Wahlver- wandschaften"), geht über E.T.A. Hoffmanns "Elixiere des Teufels" und Gottfried Kellers "Der grüne Hein- rich" zu Fontanes "Jenny Treibel" und "Effi Briest", landet dann bei Thomas Manns "Buddenbrooks" und "Zauberberg", erweist dessen Bruder Heinrich mit dem "Professor Unrat" Reverenz und kommt schließlich zu Hermann Hesse ("Unterm Rad"), Robert Musil ("Törless") und Kafka (Der Prozess").

Aus Österreich stoßen Joseph Roth mit dem "Radetzkymarsch" und Heimito von Doderer mit der "Strudlhofstiege" hinzu, Anna Seghers vertritt die Fraktion der vom Dritten Reich Gezeichneten mit "Das siebte Kreuz", Wolfgang Koeppen ("Tauben im Gras") und Günther Grass ("Die Blechtrommel") tragen den typischen kritischen Nachkriegsroman bei und Max Frisch ("Montauk") sowie Thomas Bernhard ("Holzfällen") schließlich stehen für die Generation des ausgehenden 20. Jahrhunderts.

Jedem Autor sind ein ausführlicher tabellarischer Lebenslauf sowie eine kurze, maximal einseitige Vorstellung des jeweiligen Romans gewidmet, wobei Reich-Ranicki sich jeder subjektiven Inter- pretation enthält und sich auf eine Einordnung in den jeweiligen zeitlichen Kontext beschränkt. Diese Distanz zum Werk ermöglicht es dem Leser, die Werke - falls er sie noch nicht gelesen hat - unvoreingenommen zu lesen.

Einschränkend ist allerdings zu sagen, dass die Leser, die sich den "Kanon" anschaffen, die meisten der Bücher bereits gelesen und in ihrem Besitz haben dürften, so dass sie den "Kanon" eigentlich nicht benötigen. Der Rest des Publi- kums wird sich weder den "Kanon" noch die Werke zulegen.

Das "Kanon"-Programm ist im Insel-Verlag im Taschenbuch-Format erschienen.