| Irrwege der Liebe |
| Leon de Winter: "Leo Kaplan" | |
Der niederländische Schriftsteller Leo
Kaplan hat die Vierzig überschritten und steht gerade vor den Trümmern seiner zweiten
Ehe, die er durch verschie- dene Affären, vorzugsweise mit jungen Studentinnen, mutwillig
zerstört hat. Statt eine gute jüdische Ehe mit der attraktiven Ärztin Hannah zu
führen, konnte er der Versuchung junger Mädchen nicht widerstehen. Die langsam sich
öffnende Rückblende zeigt den Grund: als junger Mann lebte er eine Zeit lang mit einem
jungen Mädchen in einer Art vollkommenen Liebes- rausches, er Sohn einer im Kriege stark
dezimierten jüdischen Familie, sie Nichte eines Nazi-Sympathi- santen. Die beiden
Lebensrahmen ergaben eine ideale Mischung aus Vergessen und Verzeihen; Leo jedoch widmete
sich irgendwann mehr seinen politischen Aktivitäten als seiner jungen Freundin, und als
diese ihm aus Rache die Lüge auftischte, sie habe das gemeinsame Kind abgetrieben,
verließ er sie im Schock und suchte im Ausland nach Ablenkung. Jetzt, nach fast zwanzig
Jahren, hängt er im Stillen immer noch an Ellen, ohne es sich einzugestehen. Ellen,
die ihre Notlüge bald bereut hatte, lebt seit Jahren in Rom als Ehefrau des Diplomaten
Frank, der ihren Sohn anstandslos akzeptiert hat. Ellen hat ihrer Familie allerdings einen
ehemaligen, noch vor der Geburt des Kindes umgekommenen Verehrer als Vater untergeschoben
. Nach neunzehn Jahren führt eine Lesereise
nach Rom Leo und seine ehemalige Geliebte zusammen. Der erste Schock verwandelt sich
schnell in ein Aufflam- men alter Gefühle auf beiden Seiten, den die Prota- gonisten
jedoch unterschiedlich abarbeiten. In einem klassischen Kolportage-Roman würde sich die
Hand- lung in etwa wie folgt entwickeln: die Konflikte spitzen sich dramatisch zu, bis die
Frau nach einem Auto- unfall gesteht, dass nur der richtige Vater seinen Sohn durch sein
Blut retten kann. Da der Ehemann bei dem Unfall tragischerweise umgekommen ist, fallen
sich die für einander Bestimmten in die Arme - Happy End! So geht es bei einem seriösen
Schriftsteller wie Leon de Winter natürlich nicht aus. Er bedient keine Erwar-
tungshaltungen eines breiten Publikums, sondern versucht, die psychischen Bedingungen und
die fast zwangsläufigen Handlungsweisen der vom Leben bereits weit gehend konditionierten
"Helden" offen zu legen und transparent zu machen. Leo Kaplan fällt natürlich prompt in die
Rolle des jugendlichen, unbekümmerten Liebhabers zurück und beschwört Ellen, obwohl er
gerade erst eine junge Studentin - wieder einmal - als Konkubine mit ins Bett genommen
hat, zu ihm zurückzukehren. Dies drückt er jedoch mehr durch sein Verhalten als durch
verbale Versuche aus, da er um die prekäre Situation weiß. Ellen dagegen schätzt ihre
gesellschaftliche Stellung als Diplomatengattien und die Folgen einer Enthüllung der
wahren Identität ihres Sohnes richtig ein, wobei sie dennoch die erneute Zuwendung des
Seine Rolle ist die erneute Werbung, ihre die abgeklärte Abweisung. In einer Mischung aus impulsiver Gefühlsaufwallung und kühlem Kalkül kontrolliert sie die Situation nach ihren Vorstel- lungen und lässt den sich kurzfristig wieder in alten Jugendzeiten wähnenden Leo nach ihren Regeln agieren.
Nachdem sich die Wogen geglätten haben, fährt Ellen mit ihrer Famile unbeschadet und unent- deckt zu neuen diplomatischen Stationen, wäh- rend Leo - seinem Stil treu bleibend - sich das Leben mit der Freundin seiner Rom-Bekannt- schaft einrichtet. Und der Leser weiß, dass auch diesem Verhältnis nur begrenzte Zeit beschieden sein wird. Die letzte Szene allerdings wirft dann einen Lichtschimmer wie einen Weiheschein auf Leo, wenn er völlig unvorbereitet und - beinahe - unfreiwillig in die erste echte Beziehung seines Lebens gezogen wird, die seinem bisherigen Leben weit gehend widerspricht. Diese letzte Szene zeigt, dass auch dem unbelehrbaren Ver- treter eingefahrener emotioneller Muster Lern- erfahrungen nicht fern sind, und hier gewinnt das Buch am Ende nach dem langen und sarkas- tisch-sezierenden Blick auf das Leben noch einmal einen so ernsthaften wie optimistischen Charakter.
Leon de Winter hat mit diesem Buch so etwas wie eine Lebensbeichte abgelegt, und nur Naiv- linge dürfen dabei annehmen, dass darin keinerlei autobiographischen Erkenntnisse eingeflossen sind. Ohne Leon de Winters Leben zu kennen, kann man aus der Dichte und Lebensnähe der Erzählung auf hautnahe, eigene Erfahrungen schließen, und schon allein aufgrund dessen lohnt sich die Lektüre dieses Buches.
Das Buch ist im Diogenes-Verlag als Taschenbuch unter der ISBN3-257-23317-5 erschienen und kostet 11,90 €.
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