| Adolf Muschg: "Das gefangene Lächeln" |
| Parabelhafter Rückblick auf ein gelebtes Leben | |
Ein Großvater schreibt einen Brief an seinen noch kindlichen Enkel. Es ist
zugleich die Abschiedsbot- schaft eines vom Tode Gezeichneten an die nach- wachsende
Generation und ein Resüme des eigenen Lebens und zeigt mal die Züge einer Beichte, dann
wieder die eines stolzen Bekenntnisses zum Leben. Joseph ist in einer kleinen Schweizer Stadt der fünfzi- ger
Jahre aufgewachsen. Die damals übliche, so zu sagen "natürliche" Repression
des Jugend durch die ältere Generation - in Deutschland würde man sie
"Kriegsgenerazion" nennen - und sexuelle Verklem- mung prägen das Leben des
Heranwachsenden. Obwohl die Schweiz nicht die historische Last des nördlichen Nachbarn
aus den dreißiger und vierziger Jahren zu tragen hat, ähneln sich die Bilder in er-
staunlichem Maße. Genauso wäre das Leben auch in der jungen Bundesrepublik abgelaufen,
und Muschg schont in seiner nüchternen Schilderung der Zeit die Schweizer Gesellschaft in
keiner Weise. Josephs Name ist Programm, denn schon als Schüler muss er
mit einer Mitschülerin names Maria einschlägige Rollen in den üblichen Theaterauffüh-
rungen spielen und fühlt sich schon dort in ein Raster gepresst, ohne sich dessen
intellektuell bewusst zu werden. Eine Beziehung zu einem nur geringfügig weniger
verklemmten Mädchen scheitert an seiner sexuellen Verzagtheit, ohne dass er den Bruch
besonders bedauert. Auch als Architekturstudent findet er nicht den Anschluss an das
seiner Meinung nach "richtige" Leben mit Frauen und Abenteuer. Er bleibt braver
und treuer Sohn einer Mutter, die den Vater nie geliebt und im Sohn einen Trost gefunden
hat. An den verbalen Erotikschlachten seiner Kommi- litonen nimmt er weniger aus Anstand
denn aus Naivität nicht teil. Schließlich führt ihn die Mitarbeit an einem
Theaterprojekt mit einem etwas spröden Mädchen zusammen, das ihn mehr wegen ihrer
Präsenz als wegen ihrer erotischen Attraktion an sich bindet. Die von der jungen Frau
streng platonisch geführte Beziehung weckt in Joseph nicht nur natür- liches Begehren
sondern auch Eifersucht auf ihr ihm unzugängliches Privatleben. Durch ein scheinbar großzügiges Angebot eines guten
Freundes erhält er die Möglichkeit eines ein- jährigen Arbeitsaufenthaltes in Ägypten,
muss jedoch nach seiner Rückkehr feststellen, dass ihn die Freunde nach Ägypten
"verkauft" haben, um reihum und ungestört mit seiner "Verlobten" zu
verkehren, die anderen Männern gegenüber alles andere als spröde und verklemmt ist. Ihn
selbst hat sie angeblich als zu "rein" für solche Spiele betrachtet, so
einerseits ihre Vorstellungen von "Reinheit" in ihn projizierend und
gleichzeitig durch seine von ihr verordnete Keuschheit sich Absolution verschaffend.
Die Analogie zum biblischen Thema von "Joseph und seinen Brüdern" ist nicht zu übersehen. Doch in diesem Leben löst sich Joseph von der langjährigen Erstarrung seiner Jugend durch den fast schon mythisch anmutenden Mord an seiner "Verlobten" und flieht zu einer langen Wanderung - auch hier sind allegorische Züge nicht zu ver- kennen - , bis er sich schließlich in Ägypten wiederfindet, wo er - wie der biblische Joseph - finanziellen Erfolg und privates Glück findet. Ägypten wird bei Muschg zum mythischen Ort der Selbstfindung und -verwirklichung. Ex oriente lux.
Doch diese Parallelen sind nicht Selbstzweck oder verlieren sich gar im Mythisch-Nebulösen. Ägypten bleibt in der Erzählung immer das Land des 20. Jahrhunderts mit all seinen politischen und sozialen Problemen, und Josephs Lebens- weg ist durchaus von handfesten wirtschaftlichen und privaten Ereignissen geprägt. Er beschreibt den verlogen-prahlerischen Lebenswandel seiner Mitstudenten ebenso realistisch und schonungs- los wie die leichtlebige und nicht unbedingt prinzi- pienfeste Welt des ägyptischen Gastlandes. Muschg schafft es in diesem Buch, das "gefan- gene Lächelns" als ein Bild für die Erstarrung des Lebens in seiner mitteleuropäischen Heimat zu etablieren und dennoch jede ethnische oder nationale Klischee-Klippe zu umschiffen. Das Buch ist eine wahrhaftige und dichte, nie langwei- lige Rückschau auf das Leben eines Protagonis- ten des gerade vergangenen Jahrhunderts. Ob sein Enkel aus diesem Brief lernen wird, bleibt angesichts dessen Lebensumgebung fragwürdig, doch ein Hoffnungsschimmer bleibt.
Das Buch ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 3-518-41351-3 erschienen und umfasst 156 Seiten.
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