Tristan Egolf: Ich & Louise

Ein etwas chaotischer Roman über eine schräge Liebe
 

 

Charlie, von seinen Freunden kurz Chuck genannt, ist vor etwas über zwanzig Jahren als Sohn einer vietna- mesischen Prostituierten und eines farbigen GIs zur Welt gekommen. Diese seltene Mischung stellt einem Fanal gleich das Motto für diesen neuen Roman des Autors von "Kaltenbrunner" auf: alles ist hier chaotisch und trägt endzeitliche, wenn auch sehr irdische Züge. Wie auch in seinem Roman über den Außenseiter in einer verlorenen Stadt mitten in den USA spielt sich das Geschehen in einer herunter gekommenen Stadt namens Philztown ab. In der deutschen Übersetzung ruft dieser Name sicherlich nicht zufällig die Assoziationen an den politischen Filz wach, auch wenn es hier nicht vordergründig um Politik geht.

Charlie landet in einer Wohngemeinschaft von "Losern", die in ihrer Trostlosigkeit noch nicht einmal die einfachen Regeln von Ordnung oder gar Lebensstil beachten. Der Schlimmste von ihnen ist Tinsel Greetz, den man guten Gewissens als den unteren Schlusspunkt der sozialen Leiter beschreiben kann. Die Einsamkeit treibt beide immer wieder zusammen wie zwei Magnete, und sie bestehen gemeinsam eine Reihe eher scheußlicher als spannender Abenteuer, so wenn sie an der jährlichen Rattenvernichtung in der Kanalisation von Philztown teilnehmen und anschlie- ßend das unter Brechreiz verdiente Geld in Whiskey aufgehen lassen.

Überhaupt wird in diesem Buch viel gesoffen. Wenn die Protagonisten nicht gerade einer mehr oder min- der drittklassigen Arbeit nachgehen, saufen sie sich bis zur Besinnungslosigkeit zu und verwüsten dabei regelmäßig ihre und die Wohnstatt der Wohngemein- schaft, was natürlich zu entsprechend derben Aus- einandersetzungen führt. Nach der erwähnten "Rattenparty" artet das Besäufnis derart aus, dass ihre Mitbewohnerein (oder Vermieterin?) Zelda endgültig ausrastet, weil sie an diesem Tag einen Besucher von der Presse zu einem wichtigen Gespräch erwartet. Dieser Besucher ist jedoch eine Besucherin, und zwar die bildhübsche Französin Louise, in die sich Charlie beim ersten Blick verliebt, ohne sich auch nur die geringsten Chancen auszu- rechnen. Seltsamerweise interessiert sich Louise jedoch mehr für die beiden jungen Männer als für Zelda und zieht mit ihnen durch Philztown.

Die beiden stolpern nun mit ihrer pubertären Gossenattitüde hinter dieser so attraktiven wie finanziell gut gepolsterten Schönheit her und verwüsten in ihrem Kielwasser mit ahnungslosem Grinsen die bürgerliche Mittelschicht von Philz- town. Spätestens hier beginnt der Autor, sich in den Fehltritten und unwürdigen Auftritten der Beiden zu gefallen. In geradezu pubertärer Komplizenschaft mit seinen beiden männlichen Protagonisten treibt er sie von einer Peinlichkeit in die nächste und lässt sie derart lächerlich, ungehobelt und versoffen dastehen, dass Louises ungebrochenes Interesse an den Beiden - oder nur an Charlie? - immer unglaubwürdiger wird. Sie soll offensichtlich als unkonventionelle und den bürgerlichen Konventionen kritisch gegenüber stehende Frau charakterisiert werden, jedoch werden die Bürger in ihrer vermeintlichen Spießig- keit gar nicht vorgestellt, sondern nur die beiden Saufkumpanen.

Dass sich das Interesse Louises schließlich auf Charlie konzentriert und sich so etwas wie eine echte Beziehung anbahnt, ist zwar in der Anlage des Romans von Anfang an zu erkennen, wird deswegen jedoch nicht glaubwürdiger. Nur die kleine Schlusspointe fügt noch so etwas wie eine überraschende Entwicklung hinzu.

Das Buch ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 3-518-41428-3 erschienen und umfasst 240 Seiten.