Anatoli Rybakow: "Roman der Erinnerungen"

Russische Geschichte eines Jahrhunderts aus erster Hand
 

 

Anatoli Rybakow ist im Ausland vor allem durch seine Trilogie "Die Kinder des Arbats" bekannt geworden, in der er seine eigenen Erlebnisse als Schüler, Student und Verbannter beschrieben hat. Im Jahre 1911 in der russichen Provinz geboren, hat er die Wirren der Revolution als Kind erlebt und anschließend - wie sein Held in dem o.a. Buch - unter der Stalin-Tyrannei gelitten. Nach der Wende in der Sowjetunion und deren anschließendem Dahinscheiden hat er seine Erinnerungen 1997 in dem vorliegenden Buch zusammengefasst. Die deutsche Übersetzung ist 2001 erschienen.

Rykakow schildert sein Leben ohne Pathos in einem nüchternen und weit gehend von überzogenen Emo- tionen freien Stil. Dies ist angesichts dessen, was er unter Stalin und anderen Regimen hat durchmachen müssen, besonders hervorzuheben. Auch gegen die Deutschen, die 1941 sein Land überfallen und dort fürchterlich gewütet haben, hegt er keinen Groll mehr sondern beschreibt den Krieg aus der Distanz des Alters eher wie ein schreckliches Naturereignis . Ihm war es vergönnt, alles zu überleben, und er zeigt eine abgeklärte Dankbarkeit dafür.

Eindrucksvoll sind die Schilderungen des "alten" Russlands mit seinen bodenständigen, oftmals jüdi- schen Figuren (er selbst ist auch Jude). Ein besonde- res Denkmal setzt er seinem Großvater, der noch ganz in den Prinzipien des 19. Jahrhunderts verwur- zelt war, und seinem Onkel, der im Bürgerkrieg umge- bracht wurde. Die Stalinära findet ebenfalls eingehen- de Würdigung, wobei dieses Wort den Grundtenor dieser Zeit nicht ganz trifft. Et schildert die überall umgehende Angst vor der plötzlichen Verhaftung, die Unsicherheit, das Schleimertum und die Denunzian- ten, kurz: die Auflösung der  bürgerlichen Gemein- schaft unter dem Druck des Terrors.

Ein sehr weiter Bereich dieses Buches ist dem literarischen und journalistischen Leben in der Sowjetuniion und Russland gewidmet. Auch hier kommt deutlich der Konflikt zwischen dem Drang zur Wahrheit und der staatlichen Zensur zum Ausdruck, und so mancher ursprünglich große Journalist hat darüber sein Rückgrat und seine Selbstachtung verloren. Doch Rybakow schildert auch die "gefallenen Engel" immer mit menschli- chem Mitleid, weil er aus eigener Erfahrung weiß, wie schwer es ist, in solchen Zeiten ein reines Gewissen zu behalten, wenn es um die nackte Existenz geht.

Wer einen Überblick über das Leben im großen russischen Reich während der letzten achtzig Jahren gewinnen möchte, sollte sich dieses Buch zulegen.

Das Buch ist im Aufbau-Verlag unter der ISBN 3-351-02524-6 erschienen und umfasst 442 Seiten.