Daniel Kehlmann: "Ich & Kaminski"

Roman einer missglückten Biographie
 

 

Bei diesem Buch spielen der Titel und seine grafische Aufmachung eine wichtige Rolle, verweisen sie doch ironisch bereits auf die Aussage des Buches. Das "Ich" ist dem anderen Namen vorangestellt - etwas, das ein "gebildeter" Mensch nie tun würde - und farblich hervorgehoben. Insofern ist der Titel Programm.

Der Journalist Sebastian Zöllner, Anfang dreißig und auf dem Höhepunkt eines ebenso ungebrochenen wie ungerechtfertigten Selbstbewusstseins, plant im Auftrag seines Verlages eine Biographie des greisen und zurückgezogen lebenden Malers Kaminski. Bereits bei der Anreise stören ihn die Mitreisenden wegen ihrer menschlichen Eigenarten, kurz, wegen ihrer Existenz. Im Haus des Künstlers sieht er sich einer resoluten Tochter gegenüber, die ihren Vater gegenüber allen unkontrollierten Begegnungen abschirmt und für die Erarbeitung der Biographie eine allein durch sie bestimmte und moderierte Choreographie vorsieht. Der nicht zum Bleiben eingeladene Zöllner platzt - wie er meint mutig und selbstbewusst - in die anwesende Gesellschaft herein und verbreitet sofort die frohgemute Stimmung des sich seiner absolut Sicheren, der jedwede mimische und gestische Reaktion seiner Umgebung als stille Bewunderung seiner Tatkraft und Unerschrockenheit auslegt. Als er dennoch ins Hotel geschickt wird, besticht er am nächsten Tag die Hausdame, um die zweitägige Abwesenheit der Künstlertochter für eine private Erkundungstour durch die Dokumente des Hauses sowie ein privates Gespräch mit dem Eremiten zu nutzen. Stolz auf seine nur mit dem Begriff "Einbruch" zu bezeichnende Recherche packt er den Stier, sprich Kaminski, bei den Hörnern und spricht ihn auf die geheimnisvollen Frauen in seiner Biographie an. Denn Kunst hat diesen Journaillisten keinen Augenblick interessiert sondern lediglich das Geheimnisvoll-Intime, die Entlarvung des Privaten, die voyeuristische Geschichte eines großen Künstlers. Als er dem blinden Kaminski entdeckt, dass seine große Jugendliebe, die ihn einst überraschend verließ und angeblich mittlerweile gestorben ist, nicht weit entfernt lebt, verlangt diesen nach einem letzten, aufklärenden Treffen, und Zöllner fährt ihn im Auto der Tochter - auch dies wieder eine Eigentumsaneignung - zu Therese, die einst den aufstrebenden Künstler zutiefst in seiner Eitelkeit verletzt hat.

Natürlich erwarten sowohl Kaminski als auch Zöllner entscheidende Aufschlüsse von diesem Treffen: Kaminski eine Abrechnung und Erklärung, vielleicht eine Versöhnung kurz vor dem eigenen Tod, Zöllner die pure Sensation, die sich auflagensteigernd  vermarkten lässt. Doch das Treffen verläuft für beide enttäuschend, ja trivial. Therese hat Kaminski nicht in einer ultimativen Aufwallung der Gefühle und im Sinne eines existenziellen Protestes verlassen, sondern hat sich offensichtlich lediglich gelangweilt und ist nur durchschnittlichen menschlichen Bedürfnissen gefolgt. Kaminski erstarrt ob dieser Trivialität der Gefühle, die er in der übersteigerten Sicht seiner eigenen Person als nicht mehr einzuordnende Kränkung, ja Insubordination empfindet. Ihm gegenüber sind nur hohe Gefühle erlaubt, kein Durchschnitt, doch hier ist er dem Leben in seiner Einfachheit konfrontiert: Therese sieht in dem späten Treffen lediglich das Aufwärmen einer Reminiszenz, kein Drama. Punkt.

Natürlich ist auch Zöllner enttäuscht. Sein persönliches Ziel ist verschwunden, ausgelöscht. Er sieht sich ohne sensationelle Biographie und steht vor einem blinden Greis, der von alter Bedeutung träumt, sich die Vergangenheit schön redet und ansonsten an nichts Interesse findet. Zu Recht überwacht seine Tochter seine Außenkontakte, um einen Rest von Bedeutung aufrecht zu erhalten.

Die Hauptperson ist jedoch der junge Kunstkritiker Zöllner selbst, Autodidakt mit zweisemestrigem Kunststudium, einem misslungenen Lebenslauf und einer Selbsteinschätzung, die alle Menschen um ihn herum zu reinen Statisten, missgünstigen Neidern, sabbernden Greisen, schwätzenden Idioten und menschlichen Hindernissen geraten lässt. Dieser Zöllner kennt keine Rücksicht, keine Manieren, kein Eigentum und keine Diskretion. Er nimmt sich, was er benötigt, weil es ihm zuzustehen scheint, und als ihm seine Freundin den Laufpass gibt, bedauert er sie nur um diese grundfalsche Entscheidung, die sie noch heulend bereuen wird. Und wenn Zöllner dann am Ende ohne einen Cent, ohne Biographie, Wohnung, Freundin und Auto dasteht, erkennt er immer noch nicht, dass er sich selbst in diese Situation gebracht hat, sondern verachtet die Welt ob ihrer Inkompatibilität mit einer Ausnahmeerscheinung wie seiner Person.

Ähnlich Walsers Abrechnung mit André Ehrl-König, dem Rumpelstilzchen der Literaturkritik, nimmt auch Daniel Kehlmann einen Typus aufs Korn, dem er selbst oft genug begegnet sein muss, um ihn so genau beschreiben zu können. Zwar verliert das Buch durch die beiden Personen ein wenig den Fokus, denn eigentlich haben Kaminski und Zöllner wenig miteinander zu tun und stellen beide Prototypen eigener Art da, aber als Satire auf den Kulturbetrieb ist dieser temporeiche Roman durchaus nicht nur unterhaltsam sondern auch treffend und gesellschaftskritisch.

Das Buch ist im Suhrkamp-Verlag erschienen und kostet 18,90 Euro.