Amélie Nothomb: "Im Namen des Lexikons"

Ein Märchen mit unerwarteter Pointe
 

 

Dieses Buch der jungen und doch schon recht etablierten französischen Autorin zeigt mit zunehmender Lesedauer deutliche Ähnlichkeiten mit Märchen wie Aschenputtel oder Dornröschen, obwohl der trockene, fast dokumentarische Stil anfangs nicht darauf schließen lässt. Und eines sei vorweg gesagt: wer dieses Buch nicht bis zur letzten Seite liest, da es ihm zu trocken oder schlicht erscheint, verpasst die Pointe, die dem Buch seine eigentliche Bedeutung verleiht und eine fundierte Interpretation erlaubt.

Ein junges Mädchen wird von einem Gleichaltrigen schwanger, erschießt diesen, als er keine Vaterqualitäten zeigt, bringt das Kind im Gefängnis zur Welt und erhängt sich anschließend, nicht ohne vorher dem kleinen Mädchen noch den ausgefallenen Namen Plectrude zu verleihen. Die sie an Kindesstatt aufnehmende Tante erkennt bald ihr Talent zur Tänzerin, fördert diese auf Kosten der Schulkarriere und projiziert ihre eigenen, unerfüllt gebliebenen Träume in das Kind. Mehr schlecht als recht absolviert Plectrude die Schule, wird mit zwölf Jahren Schülerin einer bekannten Ballettschule und durchleidet dort die schikanösen Qualen einer Ausbildung, die nur auf Aussiebung der überwiegenden Mehrheit nicht zum äußersten Leiden bereiter Schülerinnen ausgerichtet ist. Plectrude ruiniert sich auf dem Weg zur frühen Meisterin die Gesundheit, und als sie mit fünfzehn zusammenbricht und nie mehr wird tanzen können, verliert sie die Liebe und Achtung der Stiefmutter, die ihre Enttäuschung auch noch in der hasserfüllten Enthüllung der Herkunft ihrer Ziehtochter entlädt. Plectrude beschließt, ebenfalls noch ein Kind von dem nächst besten Mann in die Welt zu setzen und sich dann als Versagerin aus dieser zu verabschieden. Vor dem Sprung von einer Pariser Brücke bewahrt sie jedoch ein alter Schulkamerad, den sie schon als kleines Mädchen geliebt hat. Beide gestehen sich ihre Liebe und bilden mit Plectrudes Kind eine glückliche Familie.

So weit und so gut die vordergründig fast kitschig anmutende  Handlung. Im merkwürdigen Gegensatz zu dieser dem Groschenroman entlehnten Leidens- und Liebesgeschichte zeichnet sich der Stil durch Unsentimentalität und sogar durch eine gewisse Schroffheit aus. Manchmal hat man das Gefühl, die Handlung diene - wie bei einem Witz - nur als schnell zu durchlaufende Vorbereitung auf eine Pointe, und siehe da, diese erscheint auf der letzten Seite. Da es sich hier nicht um einen Krimi handelt, wollen wir sie auch enthüllen, da sonst die Interpretation unverständlich bliebe oder entfallen müsste. 

Am Ende des Buches lernt Plectrude ihre Autorin, Amélie Nothomb, kennen und bringt sie nach kurzer Freundschaft um, wird jedoch ihren Leichnam nicht los. Punkt!

Dieser unerwartete Bruch der Beziehungsebenen, der Einbruch der ersten Realität in diejenige der Fiktion - denn auch diese erscheint dem Leser als Realität - birgt neben dem desillusionierenden Aufbrechen der fiktiven Handlung ein gehöriges Maß an Ironie in sich. Amélie Nothomb will ihren Text als Geschichte gar nicht ernst genommen wissen. Sie verweist auf die Willkür der Autorin, die Leiden und Glück nach Gottes Art selbstherrlich erzeugt und vernichtet. Ihr zum Leben und Leiden erwecktes (Roman-)Wesen rächt sich dafür durch den Muttermord. Da jedoch Literatur in Form des Buches und der literarischen Erinnerung fortbesteht, wird Plectrude die "Leiche" nicht los und muss als Gegenstand der Literatur ein ewiges Leben lang mit ihrer toten Erzeugerin leben. Mit "tot" ließe sich hier auch die Eigenart vieler Autoren bezeichnen, nach Abschluss eines Buches dieses nie mehr zu lesen sondern ins Reich des Lesers zu verbannen.

Romane enthalten immer einen kryptischen Anteil, und Interpretationen liegen meist mehr oder minder neben der Intention des Autors. Daher sei auch diese Deutung "cum grano salis" aufgenommen. Sie stellt eine Sicht dar, ob es die richtige ist, sei dahin gestellt.

Das Buch ist im Diogenes-Verlag unter der ISBN 3-257-06344-X. erschienen und umfasst 148 Seiten.