Carl Djerassi: "Unbefleckt/Kalkül"

"Crossover" zwischen Wissenschaft und Theater
 

 

Die sogenannten "schönen Künste", literarisch manifestiert in der Belletristik, und die exakten Naturwissenschaften, standen selten auf freundschaftlichem Fuße miteinander. Zu sehr misstrauen die Künstler dem positivistischen Ansatz eines allumfassenden Erklärungsanspruches, und auf der anderen Seite werfen die Wissenschaftler - fernab aller abgeklärten Sonntagsreden - jenen immer wieder mangelnde Objektivität und haltloses Spekulieren vor. Nur wenige Wissenschaftler wie C.P. Snow haben diese Barriere durchbrochen und sich auf beiden Seiten betätigt, jedoch wurde ihr Versuch der Versöhnung nur zu oft auf beiden Seiten mit den altbekannten Vorbehalten ignoriert oder gar als unprofessionell abgetan. Der amerikanische Wissenschaftler Carl Djerassi hat sich dadurch nicht beirren lassen und mit literarischen Mitteln versucht, die Themen moderner Wissenschaft einem breiten Publikum nahe zu bringen. Während ein "echter" Schriftsteller wie Max Frisch seine "Physiker"  nur als symbolische Stellvertreter einer Gattung auf- treten und ihre eigentliche Wissenschaft im Hinter- grund lässt, kehrt  Djerassi diese in den Vorder- grund. In zwei kurzen Theaterstücken thematisiert er typische Probleme des Wissenschaftsbetriebes.

In "Unbefleckt" beschäftigt sich eine allein stehende Wissenschaftlerin mit der direkten Injektion eines einzelnen Spermiums in eine weibliche Eizelle, um mit diesem Verfahren unfruchtbaren Eltern zu Nachwuchs verhelfen zu können.  Der Erfolg eines solchen Ansatzes macht natürlich den herkömmlichen Fortpflanzungsprozess obsolet. Als sich die Enddreißigerin in einen verheirateten Mann verliebt, entschließt sie sich zum Selbstexperiment, um einerseits ein Kind von einem "Wunschmann" zu bekommen und andererseits ihr Verfahren zu verifizieren. Als sich jedoch die schlechte Qualität der Spermien des nichtsahnenden Spenders aufgrund eines früheren Strahlenunfalls herausstellt, mischt ihr Kollege und Co-Forscher eigene Spermien hinzu, um den Erfolg des Experi- ments nicht zu gefährden. Im Folgenden geht es um das Recht auf das eigene Spermium, um den Begriff der Vergewaltigung im weitesten Sinne und um das Recht, Leben nach wissenschaftlichem Gutdünken zeugen oder gar vernichten zu können.  Djerassi steht dabei vor dem Dilemma, um der Aufführbarkeit dieses Theaterstücks willen die persönlichen Probleme der Protagonisten in den Vordergrund zu rücken, wodurch natürlich der wissenschaftliche Teil an Bedeutung verliert. Zwar hat sich Djerassi durchaus die Grund- lagen der Theaterdramaturgie angeeignet - kurze Dialogelemente, Verzicht auf lange Monologe, Einheit von Handlung etc. - aber die Thematik spiegelt nicht einen von jedem Leser unmittelbar nachvollziehbaren, typischen Konflikt der menschlichen Existenz wider, sondern ein - derzeit - eher akademisches Problem.

Das zweite Stück, "Kalkül", beschreibt den wohl bekannten Streit zwischen dem großen Physiker und Mathematiker Isaac Newton und seinem deutschen Kollegen Leibniz um die "Erstrechte" auf die Differentialrechnung. Beide waren dieser Theorie nahezu gleichzeitig auf die Spur gekommen, Leibniz hatte jedoch seine Theorie früher als Newton veröffentlicht. Letzterer versuchte nun mit einem eigens zusammen- gerufenen und entsprechend "konfigurierten" Ausschuss der "Royal Society", Leibniz als Plagiator zu denunzieren.