Gabriele Wolff: "Das dritte Zimmer"

Ein Thriller aus der Verwaltungswelt
 

 

Ministerialrat Voßwinkel betrachtet sich selbst als "kleines Rädchen" im großen Räderwerk der Immo- bilienverwaltung des Landes, und seine ausbleibende Karriere ist wohl auch dem fehlenden Parteibuch zu verdanken. Auch privat läuft es nicht gerade ideal, da er seit seiner Scheidung von einer so aggressiven wie extrovertierten Journalistin in einer kleinen Zweizimmer- wohnung lebt. Mit seinem direkten Vorgesetzten Dr. Wenz verbindet ihn eine herzliche beiderseitige Abnei- gung, die letzterer hinter der Jovialität des hierarchisch Überlegenen versteckt.

Nach einer schwelenden Auseinandersetzung über einen nach Voßwinkels Meinung unsauberen Vertrag mit einem Immobilienmakler findet er eines Morgens eine E-mail von Dr. Wenz vom späten Vorabend vor, die ihn zu einem dringenden Termin am Morgen bestellt. Im Zimmer seines Chefs - es ist das dritte von seinem aus gesehen - findet er diesen jedoch erschossen vor.

Bereits vor diesen Ereignissen hat nach einer Wahl die Führung des Ministeriums gewechselt, und die ehe- malige Opposition ist jetzt am Ruder. Der neue Staats- sekretär, ein knallharter Kotzbrocken, dessen Name Koltz daher bereits allgemein in Kotz umgewandelt wurde, will mit Hilfe seiner äußerst attraktiven persön- lichen Referentin Monika Herbst den "Augiasstall ausmisten" und sucht seit einiger Zeit nach "Leichen im Keller" und diensteifrigen Denunzianten. Man hat Voßwinkel bereits über den dubiosen Vertrag befragt und ihm eine mögliche Denunziation mit einigen Versprechungen versüßt.

Das alles hat jedoch mit dem Tod des anvisierten Opfers eine völlig neue Bedeutung erhalten. Voßwinkel gerät  - als direkter Nutznießers des unerwarteten Ablebens seines Vorgesetzten - selbst in Verdacht und tut sich mit Monika Herbst, in die er sich bereits unrettbar verliebt hat, zusammen, um den Mörder zu entlarven. Dabei wird ihm diese Frau immer mehr zum Rätsel, die nicht nur von ausgesuchter Attraktivität ist, sondern sich scheinbar tatsächlich für den fünfund- fünfzigjährigen Voßwinkel auch privat zu interessieren scheint. Doch ihre Rolle gewinnt zunehmend fragwür- dige Züge, so dass Voßwinkel vermutet, dass ihr erotisches Interesse nur als Vorwand für andere Ziele dient, die er nicht identifizieren kann. Plötzlich stirbt der ehemalige Staatssekretär, der Voßwinkel noch etwas Wichtiges mitteilen wollte, nachdem dieser mit Monika Herbst bei ihm war und ihn mit dem fragwürdi- gen Vertrag konfrontierte. Und plötzlich fügen sich für Voßwinkel die Teile des Puzzles zusammen, und die Lösung überrascht ihn buchstäblich explosionsartig.

Soweit die politische Handlung, die dem Leser einen plastischen Einblick in die Abläufe einer großen Behörde sowie ihre innenpolitische Intrigen und Machtkämpfe vermittelt.

Gabriele Wolff schafft es, das eher trockene Sujet lebendig aufzubereiten und einen so glaubwürdigen wie spannenden Handlungsbogen aufzubauen. Nichts ist übertrieben, alle Personen bleiben im Rahmen des Realistischen, ohne klischeehafte Übertreibungen. Voßwinkel selbst ist ein innerlich distanzierter wenn auch fachlich engagierter Mitarbeiter, der mit seinen Nieder- lagen fertig werden muss und dennoch Haltung bewahrt. Seine ehemalige Frau hat zwar den Hang zur Journaille und zur temporären Boshaf- tigkeit, kennt jedoch durchaus auch menschliche Momente. Die Kollegen aller Hierarchie-Ebenen zeigen typische Schwächen, die jedoch nie in einfache Schwarzweiß-Malerei ausarten, und die Handlungen der Personen sind zu jedem Zeit- punkt nachvollziehbar und sowohl in der Vergan- genheit der Protagonisten sowie in der jeweiligen Situation begründet.

Hinter diese intelligente Kriminalhandlung legt Gabriele Wolff jedoch noch zwei Handlungs- stränge, die erst zum Schluss zusammenfinden: eingeschobene Sitzungen Voßwinkels bei einer Psychotherapeuthin, die in keinem Zusammen- hang mit der Handlung stehen und sich erst aus einer späten Pointe erschließen. Auch diese - makabre - Pointe hat zwar mit der Hauptperson, jedoch nichts mit der Handlung zu tun. Auf diesen zusätzlichen Handlungsstrang hätte die Autorin gut verzichten können. Er trägt nichts zur eigent- lichen Handlung bei und wirkt geradezu wie ein oktruierter Fremdkörper. Der in sich geschlos- senen Handlung des Buches tut er keinen Ab- bruch, aber er trägt einen etwas plakativen Anspruch auf Tiefsinn und Schicksal vor sich her, der dem Buch nicht unbedingt gut tut.

Das Buch ist im Haymon-Verlag unter der ISBN 3-852-18425-8 erschienen und kostet 22 Euro.