| Jonathan Franzen: "anleitung zum einsamsein" |
| Essay-Sammlung des bekannten US-Autors | |
In einer anderen literarischen Zeit war es üblich, dass sich Romanciers und andere ernsthafte Schriftsteller auch außerhalb ihrer Fiktionen schriftlich mit dem Zustand der Welt auseinandersetzten und mit sachorientierten Essays zu Wort meldeten. In den Zeiten starker Medienpräsenz ist diese Übung etwas außer Mode gekommen, offensichtlich, da man als Autor zu schnell für bestimmte Ideologien oder politische Richtungen vereinnahmt wird, ohne sich dagegen wehren zu können. Jonathan Franzen, der Autor von "Korrekturen", geht dieses Risiko bewusst ein und äußert sich in der vorliegenden Essay-Sammlung zu verschiedenen kulturellen, gesellschaftlichen und sogar tagespolitischen Themen. Da diese Sammlung sich über nahezu eine Dekade erstreckt, befinden sich darunter natürlich auch mittlerweile gegenstandslose oder nicht mehr aktuelle Themen. Wichtig in diesem Zusammenhang ist jedoch nicht der jeweilige Inhalt eines Aufsatzes als vielmehr die Art, wie der Autor damit umgeht. Ein herausragender Charakterzug von Franzens Ausführungen ist seine bei allem unbestechlichem Engagement ausgeprägte Distanz. Nie verfällt er in Polemik oder gar Wutausbrüche wie etwa Michael Moore, sondern versucht, die Zustände zu analysieren und ihnen auf den Grund zu gehen. Nicht eine politisch ausgerichtete Parteilichkeit mit all der ihr eigenen Einseitigkeit bewegt ihn, sondern die Neugier des Wissenschaftlers, der sich über bestimmte Erscheinungsformen des öffentlichen Lebens wundert. Da nimmt es auch nicht Wunder, dass er bisweilen zu ganz anderen Schlussfolgerungen kommt als der soziokulturelle "Mainstream". So greift er zum Beispiel das Thema des "Privaten" und die geradezu paranoide Angst des Bürgers und interessierter Institutionen vor der Verletzung der Privatsphäre auf. Wir alle kennen die Warnungen vor dem "gläsernern Bürger" und die Angst vor der übermächtigen Informationstechnologie, die auch noch ins letzte Schlafzimmer hineinleuchtet. Franzen jedoch sieht de facto eine Privatheit in nie gekanntem Ausmaß, durch größere Wohnungen, durch die Anonymität der Großstadt und den systematischen Ausbau des Privatbereiches nach dem Motto "My Home is my Castle". Für Franzen ist nicht die Privatspähäre bedroht wie ein seltenes Biotop sondern die "öffentliche Sphäre", in die jeder das Private geradezu zwanghaft hineinträgt, sei es durch den Handy-Terror, sei es durch exhibitionistische Auftritte in den Medien, die nur dem Wunsch gehorchen, "einmal für fünfzehn Minuten berühmt zu sein". Neben diesem gegen den Strich gebürsteten Essay steht eine lange Selbstreflexion über das Verhältnis zu seinem an Alzheimer gestorbenen Vater, das wie eine innere Befreiung wirkt und ohne falsche Scham die innerfamiliären Beziehungsmuster einer Mittelklassen-Famile offen legt. Eine weitere, ausführliche Betrachtung widmet er den chaotischen Zuständen bei der Chikagoer Post, die 1994 offenkundig wurden und einen veritablen Skandal nach sich zogen. Auch mit diesem Artikel legt er die Schwachstellen der amerikanischen Gesellschaft wirkungsvoller offen als Michael Moore mit seinem in Wut geschriebenen "Stupid white Man". Daneben kommen noch weitere Tagesthemen zu Worte; da das Buch jedoch schon 2001 in Druck ging, fehlen leider Franzens Kommentare zum 11. September. Aber vielleicht liefert er diesen im nächsten Essayband nach. Das
Buch ist bei Rowohlt-Paperback
unter der ISBN 3-499-23372-X erschienen und kostet 15 Euro. Frank
Raudszus |