| Christoph Hein: "Horns Ende" |
| Die "DDR" ist überall..... | |
Christoph Hein, von dem wir hier schon Willenbrock und andere Bücher rezensiert haben,
hat bereits in der verflossenen DDR über die Befindlichkeit seiner Lands- leute
berichtet. Leider konnte er wegen seiner kriti- schen Grundhaltung nur wenig
veröffentlichen und wurde eigentlich erst nach der Wende bekannt. In dem 1985 erstmals veröffentlichten
Roman "Horns Ende" beschreibt er den Mikrokosmos einer verkruste- ten
DDR-Kleinstadt anhand archetypischer Vertreter. Dabei verhalf ihm gerade die damalige
Zensur zu lite- rarischer Qualität. Die plakativ politische Agitation, bei der im Westen
oft die jeweils "politisch korrekte" Ideo- logie literarische Mängel verdeckte,
war ihm nicht ver- gönnt, so dass er seine Kritik subtiler äußern musste. So sind die
Mißstände bei ihm auch nicht vorder- gründig auf das politische System sondern eher auf
die Schwächen der Menschen zurückzuführen. Dass diese wiederum durch das System
begünstigt oder gar erst hervorgerufen werden - zum Beispiel die Denunziation -, ergibt
sich nur implizit bei aufmerksamer Lektüre. Dieser Umstand zwang Hein, die Charaktere in
sich glaubwürdig und mehrdimensional anzulegen. In Guldenberg hat sich der örtliche
Museumsleiter das Leben genommen, nachdem er offensichtlich wegen einer lächerlichen
Abweichung von der Parteilinie in die Kritik geraten ist. Offensichtlich ist er wegen
eines ähnlichen Vergehens bereits von einem vergleichbaren, aber höheren Posten in
Leipzig in die Provinz verjagt worden. Eine zweite solche Demütigung kann er nicht mehr
ertragen, nachdem er schon jahrelang völlig isoliert in der kleinen Gemeinde gelebt hat. Hein lässt die Entwicklung dieser
Tragödie in der Erinnerung verschiedener Bürger Revue passieren. Da ist der zynische und
desillusionierte Arzt, der sich vom Geld seines rücksichtslosen Vaters hat erpressen
lassen und mit dieser Lebenslüge nicht fertig wird. Daher sind ihm auch die Schicksale
seiner Mitbürger letztlich gleichgültig. Da ist der von außen zugereiste
Bürgermeister, der offensichtlich die Leipziger Affäre des Selbstmörders Horn einst
losgetreten hat und in Guldenberg den linientreu-jovialen Bürgermeister spielt. Da ist
ein mitsamt behinderter Tochter vom nazisti- schen Regen in die sozialistsche Traufe
geratener Maler, da ist die Betreiberin eines kleinen Ladens und gleichzeitig Horns
längjährige Vermieterin, und da sind zuletzt einige Jugendliche, die - als einzig
Unschuldige - das Geschehen aus der Perspektive einer ahnungs- losen und naiven Jugend
rekapitulieren.
Nahezu alle der von einer verborgenen Instanz zu dem Fall Befragten äußern sich in einer Mischung aus schlechtem Gewissen und apolo- getischem Trotz. Der intellektuell sattelfeste Arzt bringt das Schicksal Horns auf das Niveau seines eigenen Unglücks, nivelliert damit scheinbar die Ereignisse und stellt sich auf eine aus existen- zieller Sicht vermeintlich identische Ebene mit dem Opfer Horn. Der Bürgermeister presst die Ereignisse in die Sachzwänge des fortschreiten- den Sozialismus, an den sich der querköpfige Horn leider nicht anpassen konnte. Nur Horns Vermieterin und die Jugendlichen vermitteln dem Leser so etwas wie ein genuines, jedoch nicht intellektuell reflektiertes schlechtes Gewissen. Sie leiden in gewissem Maße mit Horn, ohne es zu wissen.
Am Ende steht eine in sich abgekapselte, sich frei von jeder Schuld wähnende Gemeinde, die etwaige Gewissensbisse durch wort- und gedan- kenreiche Erklärungen hinwegredet. Eins ist dabei offensichtlich: dieses Geschehen ist nicht DDR-typisch, es hätte sich - mit leichten Abwandlungen - in jeder anderen Gesellschaft ebenso abspielen können, und das macht die eigentliche Qualität dieses Buches aus.
Das Buch ist im Suhrkamp-Taschenbuchverlag unter der ISBN 3-518-39979-9 erschienen und kostet 9 Euro.
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