Norbert Gstrein: "Das Handwerk des Tötens"

Der Krieg in der doppelten Brechung der Medien
 

Wenn Schriftsteller, zumal Romanciers, um diesen altmodischen Begriff einmal zu benutzen, über das Leben und die menschlichen Schwächen schreiben, kann dies gelingen oder nicht. Immer jedoch ist dabei eine gewisse Distanz zum Gegenstand des Romans im Spiel, nahezu unabdingbar für das Gelingen des Unterfangens, schadet doch allzu große Nähe leicht der Wahrhaftigkeit des Werks. Wenn sich der Schriftsteller jedoch seinen eigenen Berufsstand anders als in selbstironischer Weise zum Sujet nimmt, zieht Gefahr am Romanhimmel auf. Schnell verliert er sich in den engen Bahnen der Nabelschau und bewegt sich bei dieser Art der Selbstbetrachtung in immer enger werdenden Spiralen, die schließlich nirgendwohin führen.

Norbert Gstrein, der Autor von "Selbstportrait mit einer Toten", hat sich dieser Aufgabe in doppelter Weise gestellt. In seinem neuen Roman erzählt der Ich-Erzähler, selbst Journalist und am Ende halt fiktiver Buchautor, über den Versuch eines Kollegen, Arbeit und tragischen Tod des Kriegsreporters Allmeyer im jugoslawischen Bürgerkrieg zu einem Roman zu verarbeiten. Die mehrfach alternierende Brechung zwischen Journalist und Schriftsteller hebt den Roman auf eine hohes Abstraktionsniveau und macht ihn dadurch zwangsläufig kopflastig. Dass der im realen Leben tatsächlich auf ähnliche Weise ums Leben gekommene Stern-Reporter Gabriel Grüner als Vorlage diente, spielt eigentlich eine geringe Rolle, da Gstrein nie den Anspruch auf Authentizität erhebt. Die Widmung im Vorspann gilt eher allen in Kriegsgebieten umgekommenen Reportern.

Der Ich-Erzähler trifft seinen Kollegen Paul und erfährt von dessen Absicht, Leben und Sterben des bekannten Reporters als Roman festzuhalten. Von Anfang an steht der Erzähler dem Autor und dem Vorhaben kritisch gegenüber. Doch entspringt diese Kritik einem diffusen Überlegenheitsgefühl, das sich aus persönlichen Motiven nährt. Der Namenlose versetzt sich in die unangreifbare Position des leidenschaftslosen, intellektuell durch und durch integren Beobachters, dem keine menschliche Schwäche entgeht, der seine Mitmenschen bis auf die Knochen seziert und sie durchweg durch die engen Maschen seines Kriterienkatalogs fallen lässt. Vor seinem trockenen, analytischen Blick ist keiner sicher, er tritt auf wie der Richter am jüngsten Gericht. Die Selbstgerechtigkeit des Erzählers wird zwar durch die Charaktere der handelnden Personen bestätigt, nur sieht der Leser diese konsequent aus der Sicht des Erzählers. Es könnte also auch also alles eitle Selbstüberhebung sein.

Nun stellt natürlich diese Art der Umweltbeobachtung einen durchaus legitimen literarischen Ansatz dar, der in keiner Weise mit einer absichtsvollen Referenz auf den Autor verbunden sein muss. Die Distanz eines abgebrühten Beobachters soll dabei Objektivität sicher stellen. Nur ist diese Objektivität des Autors selbst Hybris, vor allem, wenn sie die Figur des Erzählenden noch nicht einmal im Ansatz bricht sondern ihr bis zuletzt eine nahezu absolute Deutungshoheit zugesteht. Der Ich-Erzähler ist in seinem trockenen Zynismus einem Phillip Marlowe nicht unähnlich, nur dass diese Detektivfigur durch die Reduzierung auf eine zielgerichtete Krimihandlung und durch eine gehörige Portion Selbstironie gebrochen wird. Gstreins Erzähler jedoch erinnert in seiner vermeintlich kühlen und emotionslosen Überlegenheit geradezu penetrant an Omnipotenz-Phantasien à la "Asterix und Obelix". Die letztlich doch selbstreferenzielle Position eines allwissenden und moralisch jenseits eines für kleinbürgerlich angesehenen Umfelds stehenden Erzählers fällt gerade wegen der fehlenden Selbstironie letztlich doch auf den Autor zurück und wirkt auf die Dauer penetrant.

Ungeachtet dessen gelingen Gstrein hervorragende Charakterstudien. Bis ins letzte Detail schildert er Verhalten und Befindlichkeit der Protagonisten, sei es der mal visionär, mal sentimental, mal nur chaotisch auftretende Paul, sei es seine kroatische Freundin Helena, die während der Episode verschiedene Stufen einer kurvenreichen Emanzipation durchläuft, sei es die gewollt intellektuelle und professionell leidende Lebensgefährtin des Kriegsopfers, oder sei es dieser selbst, dem selbst die im Feld übliche ärmellose "Kriegerweste" noch als männlich-machistische Marotte unterstellt wird. Gstrein zeichnet jeden dieser Charaktere mit sicherem Strich und legt bei jeder Figur andere und doch bekannte Strukturen frei. Keines dieser Portraits versinkt im Klischée, jede Person bleibt in ihrer Ambiguität und Fragwürdigkeit als Individuum bestehen und gewinnt gerade durch die Brüche des Charakters Leben und Glaubwürdigkeit. Wenn die Überheblichkeit des Ich-Erzählers - sprich Autors - der Preis für diese Charakterstudien ist, sei er gezahlt.

Der zweite Einwand muss der Form gelten. Dies ist eigentlich kein Roman sondern ein fortlaufender Dialog zwischen verschiedenen sich spontan bildenden Personenpaarungen. Dabei bewegen sich die Gespräche kreisförmig um das Thema Allmeyer, ohne eine kriminalistische Aufdeckung der Ereignisse - was sowieso nicht die Absicht dieses Romans ist  - und ohne Erkenntnisfortschritt bezüglich der Motivation oder Befindlichkeit des prominenten Kriegsopfers. Zwar geht es vordergründig um ihn, eigentlich aber nur um die Überlebenden, Hinterbliebenen oder - journalistischen - Nutznießer. Allmeyer wird für alle Betei- ligten zum Kristallisationspunkt für die eigene Nabelschau. Doch wie bei einer physikalischen Kristallisation kann man auch hier schließlich den Kern herausnehmen, wenn die Struktur um ihn herum erstarrt, ohne diese zu beeinträchtigen. So verschwinden schließlich Allmeyer aus Pauls Leben und dieser als Schlusspunkt einer unergiebigen Selbstsuche aus der Welt, die beteiligten Frauen legen sich stilisierte Gleichgültigkeit oder forcierte Selbstständigkeit zu, und am Ende erscheint als ironischer Schlusspunkt der von Paul nie zu Papier gebrachte Roman aus der Feder des Ich-Erzählers, sprich des Autors. Bis dahin wird die Lektüre trotz bestechend genauer Charakterstudien vor allem wegen der thematischen Wiederholungen bisweilen etwas ermüdend

Das Buch ist bei im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 3-518-41459-3 erschienen und umfasst 380 Seiten.

Frank Raudszus