Gohar Morkosjan-Kasper: "Penelope, die Listenreiche"

Eine literarische Verneigung vor Joyce und Homer
 

Wer Penelope hört, denkt an Odysseus. Die englische Version dieses mythischen Namens, "Ulysses", führt direkt zu James Joyce, dem Anfang des letzten Jahrhunderts mit der Beschreibung der eintägigen "Irrfahrt" seines Helden Leopold Bloom durch den Dubliner Alltag ein Bahn brechendes Werk gelang. 

Die armenische Autorin Markosjan-Kasper schließt unmittelbar an Joyce an, stellt jedoch die wartende Penelope in den Mittelpunkt ihres Romans. Schon auf der ersten Seite klingt die Analogie zu Joyce an, wenn die Protagonistin entnervt Joyces "Ulysses" zur Seite legt, den sie nur liest, um mit ihren hoch intellektuell sich gebenden Verwandten in Moskau mithalten zu können. Diese Penelope dieses Romans lebt im post- sowjetischen Armenien der neunziger Jahre und muss sich mit der katastrophalen wirtschaftlichen Lage des kleinen Landes zwischen Georgien und der Türkei auseinandersetzen. Strom gibt es nur stundenweise am Tag und auch das Wasser fließt nicht zu jeder Tageszeit. So sitzt man winters in Mantel und mit  Handschuhen in der Wohnung oder liegt im Bett, dem einzig warmen Ort im Haus, und ein heißes Bad ist ein Wunschtraum, für dessen Erfüllung man tagelang kämpfen und unter Umständen sogar eigene, penelo- peische Irrfahrten von einer Bekannten zur nächsten Verwandten durch die ganze Stadt unternehmen muss.

Penelope wartet auf Armén, ihren Verlobten, der als Chirurg irgendwo in Tschetschenien freiwillig Verwun- dete operiert und nichts von sich hören lässt. Er ist der Odysseus dieser Geschichte, spielt jedoch nur eine Nebenrolle, und ihm einen ähnlich klingenden Namen zu geben, wäre wohl zuviel der Metapher gewesen. Wie ihre antike Namensbase muss sich Penelope eines Freiers in Gestalt eines ehemaligen Liebhabers erwehren, der im fernen Russland zu zweifelhaftem Geld gekommen ist und ihr eine verlockende Flucht aus den desolaten Verhältnissen anbietet.

Wie bei James Joyce erlebt der Leser einen einzigen Tag im Leben der Penelope, vom frühen Aufstehen in der kalten elterlichen Wohnung bis zum Einschlafen in derselben um Mitternacht. Während der gut achtzehn Stunden dazwischen ereignet sich nichts Spektakuläres. Penelope trifft ihren Verehrer, lässt sich von ihm zum Essen einladen und ihn abblitzen, besucht diverse Verwandte mit dem Ziel eines heißen Bades und kehrt zum Schluss zum Elternhaus zurück, nicht ohne vorher noch ihren "Odysseus" wiedergefunden zu haben. 

Die eigentliche Parallele zu Joyce besteht jedoch in der Beschreibung des assoziativen Innenlebens der Protagonistin, deren Gedankenketten die Autorin wie ihr großes Vorbild minutiös nachzeichnet.

Triviale Alltagseindrücke lösen Wortketten aus, die binnen weniger Sätze oder gar Worte in ganz andere Gefilde des Lebens führen, wobei diese Abschweifungen natürlich immer die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche des Landes oder die persönlichen Verhältnisse einer jungen Frau in diesem Lande beleuchten. Die Autorin beweist bei diesen Schilderungen viel Humor, und bei aller Kritik an den Zuständen im Lande herrscht die Liebe zu diesem Lande und seinen Bewohnern vor. Folgerichtig widersteht die Prota- gonistin auch der Versuchung, Armenien den Rücken zu kehren.

Wer Joyces "Ulysses" kennt, findet in dem vorliegenden Roman auch seine Dialogtechnik wieder, die sich durch kurze, impulsive und oft mehr dem eigenen Innenleben als den äußeren Ereignissen geltenden Bemerkungen auszeich- net. Joyces wie Karkosjan-Kaspers Personen scheinen oft mehr für sich und zu sich zu reden als dass sie - wie im "klassischen" Roman üblich - seine fiktive Handlung konsistent kom- mentieren oder gar vorantreiben. Das Leben "geschieht" den Protagonisten, und sie können es im besten Fall kommentieren, doch kaum zielgerichtet lenken.

Gohar Markosjan-Kasper ist mit diesem Roman ein eindringlicher "Schnappschuss" der armeni- schen Situation und eine plastische Charakteri- sierung der Armenier gelungen. Gleichzeitig erweist sie einem großen Kollegen eine weahrhaft "kongeniale" Reverenz.

Das Buch ist im Rowohlt-Verlag unter der ISBN 3-87134-417-6 erschienen und kostet 19,90 €.