| Giles Foden. "Sansibar" |
| Terrorismus-Thriller mit kritischen Tendenzen | |
Im August 1998 explodierten im tansanischen Daressalam und in Nairobi, Kenia, zeitgleich zwei Bomben jeweils vor der US-Botschaft. Der damals der Öffentlichkeit noch relativ unbekannte Usama Bin Laden wurde bald als Drahtzieher der Anschläge iden- tifiziert. Drei Jahre vor dem "GAU" vom 11. September 2001 galten diese Anschläge noch als schlimmste vorstellbare Katastrophen, sie bereiteten die Ereig- nisse des schrecklichen September sozusagen vor.
Giles Foden, englischer Schriftsteller und Kenner der islamischen Religion sowie des einschlägigen Fanatismus´, hat die Attentate vom August 1998 als Vorlage für seinen Roman gewählt, der die Ereignisse aus der Sicht von Opfern und Tätern gleichermaßen schildert.
Nick Karolides, Anfang dreißig, arbeitet auf Sansibar für ein biologisches Schutzprogramm für bedrohte Arten, wie z.B. die Schildkröten. Er ist aus einem langweiligen, wenn auch abgesicherten Beruf in den USA hierher "geflohen", weil er das Bedürfnis hatte, noch einmal etwas Bedeutendes zu tun. Miranda Powers, junge Absolventin einer US-Diplomaten- schule, tritt gleichzeitig ihren ersten Job als Sicher- heitsverantwortliche in der US-Botschaft in Daressa- lam an. Beiden geht es gut, die Zukunft liegt aus- sichtsreich vor ihnen, es könnte kaum besser sein. Ein ehemaliger Geheimagent, Witwer und als Folge seiner gefährlichen Einsätze schwer behindert, komp- lettiert als Regierungsberater die amerikanische Seite.
Parallel zu dieser Einleitung aus der Sicht der ameri- kanischen Beteiligten lernt der Leser die andere Seite kennen. Ein junger Afrikaner aus Sansibar, dessen Eltern angeblich brutal von den Amerikanern umge- bracht worden sind, schwört Rache, von seinem fanatischen Onkel beraten und gesteuert. Wir sehen ihn während seiner Ausbildung in Afghanistan - das ging damals noch -, erleben ein Treffen mit dem "Scheich" Usama Bin Laden und lernen die Denkungs- und Lebensart der angehenden Terroristen kennen.
Langsam zieht sich das Netz zu. Usama Bin Laden plant offensichtlich einen Anschlag, bei dem der junge Afrikaner eine Rolle spielen soll, von der er selbst keine Ahnung hat. Derweil lernen sich Nick und Miranda zufällig kennen und spüren erste Sympathie für einander.
Die Geschichte treibt zielsicher auf ihren Höhepunkt zu, die gleichzeitigen Explosionen in Daressalam und Nairobi. Die mittlerweile zum Liebespaar avancierten Miranda und Nick verlieren sich, werden in den Strudel des Terrorismus gerissen und finden sich wieder. Der Anschlag wird im Roman zwar nicht aufgeklärt, die Hintermänner, d.h. Bin Laden, jedoch identifiziert.
Foden geht es weniger um eine spektakuläre Hand- lung mit atemberaubender Spannung als um die Schil- derung der Hintergründe. Schon die dokumentarische Anlage des Romans hält die Spannung im Rahmen, weil der kundige Leser die Entwicklung sowieso kennt.
Foden lässt einerseits die islamische Religion und ihre zutiefst menschliche Seite zu Wort kommen, andererseits deren gezielte Verzerrung durch die Köpfe des Terrorismus, um unter dem Deckmantel der Religion fanatische Krieger zu züchten. Auf der anderen Seite schildert er so- wohl die Naivität und Gutgläubigkeit des durch- schnittlichen Amerikaners als auch die perfide Desinformation und gezielte Strategie der US- Geheimdienste und ihrer Regierung, denen es in erster Linie um die hegemoniale Stellung der USA und um wirtschaftliche Interessen - Öl - geht. Der ehemalige Geheimagent steht für den Skeptizismus des erfahrenen Experten, der jedoch als politisch unsicherer Kandidat zum alten Eisen geworfen wird, der junge Afrikaner auf der anderen Seite löst sich aus seinem Fanatis- mus, den er noch rechtzeitig als solchen er- kennt.
Fodens Buch stellt sicher keine intellektuelle Aufarbeitung des Terrorismusproblems dar, dafür trägt der Roman doch zu viele Merkmale des "Thrillers" - "sex & crime". Er zeichnet sich jedoch gegenüber den typischen Vertreter seines Genres durch eine eher kritische und lebensnahe Kennzeichnung der Charaktere aus. Hier kämpft nicht "Gut" (USA) gegen "Böse"(Rest der Welt) sondern hier stehen Menschen mit ganz norma- len Zielen und Wünschen plötzlich im Auge eines politischen Hurrikans, der sie zwar über- leben aber auch leiden lässt. Doch am Ende reifen sie daran auch. Am Schluss verzichtet Foden sogar auf das übliche "Happy End" und lässt die menschlichen Beziehungen in der Schwebe.
Das Buch ist im Aufbau-Verlag unter der ISBN 3-351-02986-1 erschienen und umfasst 430 Seiten.
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