Israel Hame`iri: "Symbiose"

Eine Kritik der falsch verstandenen Männlichkeit
 

Daniel, ehemaliger Fallschirmjäger-Offizier der israelischen Armee, leitet im Norden Israels ein Naturreservat, um dort unter anderem seine Doktorarbeit über die Fortpflanzung der Wespen fertig zu stellen. Dabei steht fachlich die "Symbiose" zwischen dem Wespenweibchen und der Frühfeige im Mittelpunkt, bei der die Feige das Wespenweibchen zwecks eigener Arterhaltung mit tödlichen Folgen für diese täuscht. Diese tödliche Symbiose liefert auch das Grundmuster für den Roman.

Der Ich-Erzähler Daniel lässt den Leser schon bald seine konsequente, ja rücksichtslose Einstellung gegenüber seinen Mitmenschen erkennen. Daniel folgt einem gesteigerten Männlichkeitsideal, das - offen- sichtlich oder nur scheinbar? - während seiner Zeit bei den Fallschirmjägern geprägt wurde. Schwache finden vor seinen Augen keine Gnade, Sensibilität - vor allem bei Männern - ist ihm lästig, und Schwule sind ihm gar ein Graus. Obwohl verheiratet und Vater eines kleinen Jungen, pflegt er mit jungen Soldatinnen, die bei ihm ihren Wehrdienst ableisten, ungeniert zu schlafen, seine Stellung kühl nutzend und ohne jegliches Unrechtbewusstsein. Die Verhältnisse hält er eher aus praktischen denn aus moralischen Gründen vor seiner Frau geheim. 

Der "Auslöser" dieses Romans besteht in dem Ver- schwinden der jungen Ruthi,  Assistentin und - wie wir bald erfahren - Geliebte Daniels. Von einem Wochenendurlaub ist sie anscheinend nicht zurückgekehrt.

Einen zentralen Punkt des Reservats bildet eine gefährliche Schlucht, die in einer tiefen, feuchten Höhle endet. Alle, besonders die Männer, zieht es magisch zu diesem dunklen, gefährlichen Ort, und ein Jahr vor der aktuellen Handlungszeit ist hier ein junger Austausch-Schüler zu Tode gekommen. Auch für Daniel stellt der "Schlund", so die Bezeichnung für die "Männer fressende" Schlucht, einen zentralen Punkt der Natur dar, der ihn gleichermaßen fasziniert wie er ihm Furcht einflößt. Mit fortschreitender Handlung schält sich immer deutlicher der Metapher-Charakter des "Schlunds" für die weibliche Sexualität heraus. Stück für Stück erfährt der Leser, dass Daniel diese Sexualität nicht mehr unter Kontrolle hatte, dass er sich zu einer tödlichen Handlung genötigt sah, um sich von der Übermacht des Weiblichen zu befreien. Doch diese Handlung betrachtet er gleichzeitig mit kühl kalkulierendem Intellekt, bewegt sich wie ein Schizophrener permanent in zwei Welten.

Der Dreh- und Angelpunkt seines Lebens ist seine Mutter, die ihn als Einzige durchschaut und ihn von ferne - durch das Telefon - wie an einer unsichtbaren Leine führt. Während Daniel noch glaubt, die alte Mutter "im Griff" zu haben, führt sie ihn in Wirklichkeit zurück in seine Kindheit und zum verhassten Moment der Schwäche, die er gerade deshalb leugnet und bei sich wie bei anderen hasst.

Auch wenn dieser Roman nicht wie ein herkömmlicher Kriminalroman mit der Auflösung eines Verbrechens und damit mit einer Erlösung endet, wird klar, dass Daniel am Ende an der eigenen Schwäche seiner vermeintlichen männlichen Stärke scheitern wird. Wie ein Raubtier in einem enger werdenden Käfig dreht und wendet er sich in seinen eigenen Verstrickungen, und die vermeintliche Ahnungslosigkeit seiner Umwelt erweist sich als ein Damokles-Schwert, das jederzeit auf ihn niederfallen kann. Auch dem Leser ist bis zum Schluss nicht klar, ob die Umwelt Täter und Tat durchschaut hat und unbewegt auf ihn starrt, oder ob ihm sein Versteckspiel tatsächlich gelingt. Aber gerade diese Ambivalenz, diese Unklarheit wird zur existenziellen Bedrohung für einen Menschen, der erkennen muss, dass er das Leben nicht mit männlicher Stärke und Rücksichtslosigkeit kontrollieren kann. Der für das (Wespen-)Weibchen tödliche Teil der Symbiose funktioniert wie geplant, doch ob sie sich letztlich als fruchtbar erweisen wird, bleibt offen.

Hame´iris Roman besticht vor allem durch die konsequente und kompromisslose Durchführung des Themas sowie durch den Verzicht auf jegliches epische und belletristische Beiwerk. Der Leser fühlt sich von Anfang bis Ende gepackt und kann sich einem leichten Grauen nicht entziehen.

Das Buch ist im Deutschen Taschenbuch-Verlag in der Reihe "premium" unter der ISBN 3-423-24332-5 erschienen und kostet 15 €.