Paulo Coelho: " Elf Minuten"

Essayistischer Roman über den Sexus
 

Das Spannungsverhältnis zwischen Sex und Liebe und die Vielfalt der Erscheinungsweisen dieser beiden zentralen Bereich des menschlichen Lebens haben sämtliche Gattungen der Literatur geprägt. Kaum ein Autor, der nicht versucht hat, diesen Phänomenen auf die Spur zu kommen, vom "Lore"-Roman bis zu Goethes "Wahlverwandschaften". Der brasilianische Autor Paulo Coelho geht das Thema frontal an, für ein katholisches Land wie Brasilien geradezu provozierend.

Maria wächst in einem kleinen brasilianischen Dorf auf. Das hübsche Mädchen hat Pech mit seinen erst kindlichen, dann jugendlichen Beziehungen zum anderen Geschlecht und schließt daraus, dass sie für die (große) Liebe nicht geeignet ist. Als sie während eines Kurzurlaubes in Rio einen Schweizer kennen lernt, lässt sie sich zu einer angeblichen Model-Karriere in der Schweiz überreden und folgt ihm nach Genf. Dort erhält sie zwar keinen Auftrag als Model, macht jedoch die ersten Erfahrungen mit einer  anderen Art des Geldverdienens, als ihr ein reicher Araber tausend Franken für eine Nacht bietet. Maria, die von einer Farm in Brasilien träumt, rechnet nüchtern nach, nimmt das Angebot an und geht anschließend in den ersten Nachtclub Genfs, um dort dem neu entdeckten Gewerbe zielstrebig nachzugehen. Fein säuberlich trennt sie Beruf und Privatleben, investiert keinerlei Gefühl in ihre Freier und zählt das sich schnell mehrende Geld. Für sich selbst erwartet sie keinerlei erotische Genüsse oder gar die große Liebe, bis sie eines Tages in einem Café auf einen Maler trifft, der sie nicht als erotisches Objekt, sondern als Mensch mit einer besonderen Ausstrahlung sieht. Die beiden lernen sich besser kennen, verlieben sich ineinander und schließ- lich lernt auch Maria die erotische und sexuelle Erfüllung kennen.

Die reine Handlung lässt auf einen der üblichen Liebesromane schließen, doch dieser Eindruck trügt. Coelho geht es um die psychischen Vorgänge inner- halb der jungen Frau und die Wandlung von einer nüchternen Gunstgewerblerin hin zu einer sinnlich aufblühenden Frau. Auf der anderen Seite versucht er, dem Wesen der Sexualität auf die Spur zu kommen, indem er extreme Varianten präsentiert: von Sado-Maso-Praktiken bis hin zur nahezu körperlosen und dennoch höchst erfüllenden Erotik. Dabei scheut er kein Tabu und beschreibt die entsprechenden Praktiken bis hin zum anatomischen Detail. Insofern würde ein wahrer Katholik durchaus von einem "Soft"-Porno reden.

Natürlich will Coelho keine billigen Gelüste bedienen. Seinen Detailschilderungen haftet nichts Klebriges an, sie sind immer mit einer gewissen Distanz behaftet, die ihnen das Schlüpfrige nimmt. Ceolho zeigt sich als Meister der Erzählung, solange er Marias Weg zur Edel-Prostituierten beschreibt. Nüchtern, sachlich, mit dem Blick für das Wesentliche und das Detail schildert er vorurteilslos den Weg einer jungen Frau in ein von der bürgerlichen Moral geächtetes Leben. 

Mit leichter Hand und dennoch mitreißend bringt er dem Leser Marias seelische Verfassung nahe, verzichtet auf jegliches Klischée wie "gefallenes Mädchen" oder "ausgebeutete Frau" und verleiht dadurch diesem Lebensweg eine gewisse Würde, ohne deswegen die Prostitution selbst als einen Akt der Freiheit darzustellen. Maria hat die Verantwortung für ihr Leben übernommen, verfolgt ein Ziel - die Farm in Brasilien - und geht für die Erreichung dieses Ziels gewisse Kompromisse ein. 

Dennoch leidet das Buch unter einer entscheiden- den Schwäche. Im zweiten Teil, der sich im Wesentlichen um die Beziehung zwischen Maria und ihren Maler-Freund dreht, mutiert Coelhos Stil zum Essayistischen. Geschichtliche Rückblicke auf die Prostitution und Erklärungen der verschiedenen Varianten der Liebe wechseln sich ab. Doch verharren diese Ausführungen auf einem Niveau der Populärwissenschaft. Für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung sind die Einsichten zu glatt und abgerundet. Die Brüche und Widersprüche treten nur an den "moralisch korrekten" Sollbruchstellen auf und bestätigen damit die Meinung des Autors. Die seitenlangen Ausführungen wirken auf die Dauer ermüdend und trocknen den Erzählfluss aus. Die nichts aus- sparenden Liebesszenen zwischen den Beiden beschränken sich neben der detailgenauen Beschreibung auf die verbale Darstellung seelischer Vorgänge, die bisweilen doch gefährlich nahe an die Trivialität heranreicht. Man erkennt die Absicht des Autors, allerdings kann er sich nicht weit genug von der üblichen erotischen Literatur absetzen, um sein eigentliches Anliegen deutlich zu machen. Fazit: Als Erotikon etwas zu bieder, als philosophisches Werk über Liebe und Sexus etwas zu dünn.

Das Buch ist im Diogenes-Verlag unter der ISBN 3-257-06373-3 erschienen und kostet 19,90 €.