| Graham Swift: "Das helle Licht des Tages" |
| Ein Detektiv, ein Mord und doch kein Kriminalroman.... | |
Die Handlung dieses Romans ähnelt zu Beginn denen der berühmten "schwarzen Serie". Ein abgehalfterter Polizist, führt jetzt als Privatdetektiv zusammen mit einer Assistentin eine kleine Auskunftei:
Seitensprünge nachweisen und Ähnliches. Eines Tages erscheint eine attraktive Frau, die eine Überwachung ihres Mannes wegen einer Liebschaft wünscht. So weit so gut, das heißt: so bekannt. Doch sehr schnell beginnt sich der Schwerpunkt der Handlung vom Klischee des Kriminalromans zu entfernen und ins Literarische zu wandern.
Das beginnt schon mit dem Stil. Statt in klassischer "linearer", will sagen chronologischer Manier erzählt der Autor die Geschichte rückblickend aus der Sicht des berichtenden Detektivs George. Die fraglichen Ereignisse sind bereits zwei Jahre her, Opfer - der Ehemann - und Täterin - die Ehefrau - stehen fest und
letztere sitzt für ihre Tat seit einiger Zeit im Gefängnis. George besucht die Delinquenten am zweiten Jahrestag der Tat im Gefängnis, und Swift beschreibt auf der oberen Handlungsebene lediglich diesen einen Tag, genau wie James Joyce es mit seinem Leopold Bloom macht. Doch hinter den Abläufen dieses Tages drängen die Erinnerung an die Tat, ihre Begleitum- stände, ihre Vorgeschichte und sogar die Vergangen- heit des Erzählers in den Vordergrund. Der Autor verschachtelt die einzelnen Zeitebenen so kunstvoll und gleitend, dass der Leser den Übergang bisweilen nicht sofort entdeckt. Swift geht es in diesem Roman nicht um die
Aufdeckung eines Verbrechens, auch nicht um die Emotionen, die dazu führen. Er deckt vielmehr die
Brüchigkeit der menschlichen Existenz und vor allem des Zusammenlebens von Menschen auf. Der Satz "Irgendetwas ist über mich gekommen", der das Buch einleitet, gibt mit seiner Position das Thema des Romans vor. Über alle Personen dieses Buches kommt zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas, das sie nicht kontrollieren können, und das nur aus den Tiefen der eigenen Erfahrungen und Sehnsüchte zu erklären ist. Sarah, erfolgreiche Dozentin und Übersetzerin, hatte eines Tages das Verhältnis ihres Mannes mit der
jungen Kroatin entdeckt, dem das mittlerweile allein lebende Ehepaar aufgrund des Krieges in Jugoslawien sozusagen großzügig "privates Asyl" gewährt hatte. Doch anstelle unmittelbarer Konsequenzen hatte sie das Ende der Liaison an das Kriegsende gebunden, und ihr Mann hatte sich bereit erklärt, die junge Frau an einem bestimmten Tag ins Flugzeug zu setzen. Nur diese Aktion sollte George überwachen. Danach wollte Sarah ihren Mann in ihrem gemeinsamen Heim empfangen und mit ihm einen neuen Anfang versu- chen. Doch obwohl alles nach Plan läuft, bringt Sarah ihren Mann kurz nach dessen Rückkehr - festlich gekleidet und vor einem köchelnden Festmahl - mit dem Küchenmesser um und stellt sich der Polizei. Seit diesem Zeitpunkt kümmert sich George um die Delinquentin, zu der er bereits früh eine - anfangs einseitige - emotionelle Beziehung aufgebaut hat. Immer wieder gehen George die Abläufe durch den Kopf und er macht sich Vorwürfe, zu spät die Gefahr geahnt zu haben. Denn plötzlich ist ihm die
Bedeutung der Begleitumstände wie Schuppen von den Augen gefallen: Sarah wollte eine beschädigte Welt wieder ins Lot bringen, hat unbeirrt emotionellen Tribut im festen Glauben auf die Möglichkeit einer Rückkehr zu dem alten Gleichmaß des Glücks gezollt, um plötzlich festzustellen, dass ihr nach dem Ende der Liaison nur die Hülle eines Mannes geblieben ist. In diesem Moment kommt "etwas über sie". Genauso ist es George als Polizist gegangen. Als Kind zerbrach in ihm eine Welt, als er
zufällig von dem außerehelichen Verhältnisses seines unbewusst als Maß des Mannes betrachteten Vaters erfuhr. Seine Wahl des Polizistenberufs war nicht zuletzt der Versuch, die aus den Fugen geratene Welt wieder zu kitten. Als er eines Tages die Chance erhielt, einen lange verdächtig- ten Übeltäter dingfest zu machen und ihm ein dubioser Zeuge mit einer eiskalten Falschaus- sage einen Strich durch die Rechung machte, kam "etwas über ihn", und der tätliche Angriff auf den zeugen kostete ihn seinen Beruf. Zu spät erkannte George an dem besagten Abend die Situation von Sarah als seiner
damaligen sehr ähnlich, doch seitdem versteht er sie. Doch nicht der moralische "Fehltritt" von Sarahs Ehemann begründet sein Verständnis, sondern die gleiche elementare Sicht des Lebens und die Unfähigkeit, die mitleidlosen weil gleichgültig ausgeteilten Schläge des Lebens auszuhalten. An einem bestimmten Punkt überwiegt das Bedürfnis, sich aus diesen erniedrigenden
Zwängen durch eine Tat zu befreien, ohne diese selbst als rational oder entschuldbar zu definieren. Die Entwurzelung des Einzelnen trägt ihren Teil zu diesem Lebensgefühl bei. George kann dies bei Sarah nachvollziehen, weil ihn seine Frau nach dem beruflichen Absturz vor allem wegen des sozialen Abstiegs eiskalt verlassen hat. Seitdem führt er das leben eines emotionalen
Landstreichers, der sein Defizit mit falscher Nonchalance und unverbindlichen Beziehungen übertüncht, aber durch Sarahs Geschichte plötzlich wieder mit dem Kern des menschlichen Dramas konfrontiert wird.
Graham Swift dringt bei seinen Reflektionen tief in die Psyche seiner Personen ein, zeichnet ihre Ängste und irrationalen Reaktionen nach und geht dabei konsequent allen Klischees aus dem Wege, die sich auf dem Wege eines Liebes- und Kriminalromans vor dem Autor aufbauen. Von der ersten bis zur letzten Seite strahlt dieser Roman eine tiefe Ehrlichkeit und gerade dadurch eine hohe Intensität aus. Die nüchterne Sprache tut dabei dem Leseeindruck keinen Eindruck, ja, trotz der frühen Aufklärung der Ereignisse bleibt bis zum Schluss ein hoher Spannungsgrad bestehen, eben wie in einem guten Krimi.
Das Buch ist im Hanser-Verlag unter der ISBN 3-446-20358-3 erschienen und kostet 19,90 €.
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