Louis Begley: "Schiffbruch"

Marternder Monolog eines Schuldbeladenen
 

Wenn in einem Roman ein Ich-Erzähler auftritt, stellt er üblicherweise auch den Mittelpunkt der Handlung dar, in welcher Ausprägung auch immer. In diesem Roman jedoch sagt der Erzähler selbst kein Wort, außer dass er die Geschichte erzählt, und gibt auch sonst nichts von sich preis. Ja, wir wissen noch nicht einmal, wie er heißt und was für ein Leben er führt.

In der Bar eines Hotels trifft der Erzähler auf einen Mann, der sich als John North vorstellt und ihn direkt fragt, ob er ihm eine Geschichte erzählen dürfe, die er noch niemandem erzählt habe. Verblüfft stimmt der Erzähler zu und bleibt von nun an Zuhörer.

John North ist ein geachteter und über die USA hinaus bekannter Schriftsteller. Selbst aus gutem Elternhaus stammend, ist er mit einer Ärztin aus dem Geldadel Neu-Englands verheiratet und braucht sich daher um den finanziellen Erfolg seiner Bücher nicht zu sorgen. Doch wie so oft ereilt der Erfolg gerade die, die ihn nicht nötig haben - vielleicht gerade deshalb. North geht jedoch das selbstzufriedene Gutmenschentum seiner begüterten Schwiegereltern auf die Nerven, wobei er einen gewissen Neid nicht abstreitet, und hält sich weitgehend vom Clan seiner Frau fern.

Bei einem Besuch in Paris bittet ihn eine junge Redakteurin einer Frauenzeitschrift um ein Interview, das er ihr bereitwillig gibt. Ihr attraktives Äußeres und seine Ungebundenheit - seine Frau ist in den Staaten geblieben - lassen ihn den Versuch einer Verführung wagen, der fast wider Erwarten auf Anhieb gelingt. Dabei muss er jedoch überrascht feststellen, dass die meiste erotische Kraft von der jungen Frau ausgeht. Ihre diesbezüglichen Fähigkeiten und Praktiken faszi- nieren ihn derart, dass er ihr bereits nach kurzer Zeit sexuell hörig ist. Sich selbst gegenüber beschönigt er diese Hörigkeit als Ausdruck seiner persönlichen Freiheit und Wille zum Genuss. Andererseits fühlt er sich vom ersten Moment an als Verräter an seiner Frau, mit der er eigentlich eine glückliche Ehe führt.

Bis hierher ist die Geschichte nichts weiter als der Bericht über einen ganz banalen Seitensprung, doch langsam beginnt sich die Affäre zur Obsession auszu- weiten. Léa, so heißt das Mädchen, hat zwar neben ihm weitere Liebhaber aus hohen Kreisen der Pariser Gesellschaft, hängt jedoch zunehmend an ihm und verfolgt ihn bis in die USA mit ihren Anrufen. Er selbst nutzt jede Reise nach Paris dazu, das Verhältnis mit aller Intensität fortzuführen.

Glaubte er, die Affäre auf die große Entfernung im Griff behalten zu können, so beginnt sie aus dem Ruder zu laufen, als Léa mit einem anderen Freund nach New York kommt und ihn besucht. Sofort verfällt er, der in jeder Hinsicht Distanz gewinnen wollte, ihr wieder, sie verlangt, seine Frau kennen zu lernen, und dringt ziel- sicher in seine Kreise ein.

Für North wird es immer schwieriger, seine Ehe und sein Verhältnis auseinander zu halten und vor allem letzteres vor seiner Frau zu verbergen. Léa überschüt- tet ihn mit Anrufen aus Paris und lässt dabei unklare Drohungen fallen, so dass North beschließt, endgültig einen Schlussstrich zu ziehen. Doch als sie dann überraschend ein zweites Mal nach New York kommt, kann er ihr wiederum nicht widerstehen, und so nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Als sie beim Schwim- men im Meer in Panik verfällt, dreht er sich um und schwimmt zum Strand zurück. 

Anschließend fährt er in seinem Segelboot bei schwerem Wetter hinaus, mit dem uneingestan- denen Ziel, den Tod zu suchen. Doch er überlebt den unvermeidlichen Schiffbruch und muss von nun an mit seiner Schuld leben.

Diese Schuld - denn Léa wird nie gefunden - trägt North jetzt mit sich herum, kann nicht mehr schlafen und greift vermehrt zum Alkohol, da er sich niemandem anvertrauen kann. Seine Frau und die Gesellschaft ahnen nichts. Als der Druck zu groß geworden ist, hat er sich dem erstbes- ten Fremden zugewandt - dieser könnte ja auch ein Polizeibeamter sein - und beichtet ihm die ganze Affäre.

Louis Begley ist mit diesem Roman eine ein- dringliche Schilderung einer zwanghaften eroti- schen Beziehung gelungen. Diese Zwanghaftig- keit gilt dabei für beide Beteilgte, denn Léa hängt trotz ihrer weiteren Beziehungen an dieser Bezie- hung genau so wie North. Keiner von beiden kann sich aus der tödlichen Umklammerung lösen. North erkennt seine Schwäche glasklar, verurteilt auch den schäbigen Betrug an seiner Frau, die er weiterhin liebt, fürchtet sich jedoch einerseits vor einer aus Rache motivierten Enthüllung der Affäre durch Léa und kann sich andererseits ihrer eroti- schen Ausstrahlung nur durch ihren Tod entzie- hen. 

Dieses Buch verzichtet bewusst auf die große moralische Geste. Die trockenen Selbstbezichti- gungen reichen als Standortbestimmung vollstän- dig aus. Die wesentliche Qualität des Buches besteht in dem konsequenten und kompromiss- losen Stil, der hohe Dichte und Glaubwürdigkeit zur Folge hat. Stück für Stück wird eine Persön- lichkeit entblättert und entlarvt, das heißt, genau genommen tut diese Person es selbst. 

Das Buch ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 3-518-41475-5 erschienen und un umfasst 279 Seiten.