Marcel Reich-Ranicki:"Ungeheuer Oben"

Eine zwiespältige Hommage an einen bröckelndes Denkmal
 

Der Titel dieses Buches bezieht sich auf eine Zeile aus einem Brecht-Gedicht, in der das Wort "ungeheuer" in adverbialer Form auftritt, und könnte damit unschuldiges Zitat sein. Doch man kann diese Aussage auch anders lesen, nämlich: "(Das) Ungeheuer oben", und damit kommt eine luzide Doppelbedeutung in dieses harmlose Zitat. Und diese Interpretation ist nicht weit hergeholt, denn Brecht erweist sich in Reich-Ranickis entschleiernder Kurzbiografie des unzweifelhaft bedeutenden deutschen Dramatikers in manchen Aspekten durchaus als Ungeheuer.

Von seiner gnadenlosen Ausbeutung der ihm geradezu hörigen Frauen weiß man mittlerweile, und auch die Brecht-Fanatiker räumen dies widerwillig ein. Dass er jedoch seine zeitgenössischen Autorenkollegen und sogar die bereits verblichenen Größen seines Faches weit gehend ignorierte und ihnen ihren Erfolg neidete, wissen nur wenige. Dass er nie Thomas Mann, Musil, Joyce oder Döblin gelesen, jedoch zumindest den ersteren fleißig und vernichtend kritisiert hat, ist wahrscheinlich nur wenigen Lesern bekannt. Ebenso, dass er zwar seine Mitmenschen um Kritik bat, aber nur begeisterte Zustimmung hören wollte. 

Laut Reich-Ranickis durchaus nicht polemisch gefärbtem Urteil war Brecht zeitlebens ein großer Selbstsinzenierer, dem es letztlich nur um sein Ego und sein Theater ging. Was nicht unbedingt gegen sein Werk spricht, wenn an diesem auch nach einem halben Jahrhundert doch der Zahn der Zeit nagt. Reich-Ranicki bringt das Kunststück fertig, den großen Dramatiker des 20. Jahrhunderts sozusagen zu filetieren und ihn trotzdem als einsame Größe zu respektieren. Kurz: Geistesgröße muss nicht mit Seelengröße einhergehen, auch wenn es der Bürgersinn so will. Und so wie die Musikliebhaber lange Mozarts Bäsle-Briefe unterdrückten oder verdrängten, so wollte auch der Brecht-Anhang lange nicht seine schwer wiegenden Schwächen wahrhaben und hat ihn statt dessen in einen tabuisierten Olymp erhoben.

Marcel Reich-Ranicki kommt das Verdienst zu, dieses falsche Tabu gebrochen und Brecht als fehlenden Menschen mit großen charakterlichen Schwächen zu zeigen. Wie kann man das eine Land in den eigenen Stücken als die Inkarnation des übelsten Kapitalismus geißeln und doch dort jahrelanges Asyl suchen, während man das gelobte Land des Sozialismus ein Leben lang meidet? 

Doch genug der Schwächen eines der unbezweifelbar bedeutendsten Schriftstellers des letzten Jahrhunderts. Er hat eine ganze Literaturgattung aus der Taufe gehoben, die zu ihrer Zeit einen hohen literarischen Stellenwert aufwies und ihre historische Rolle erfüllte. Und Reich-Ranicki fasst Brechts Credo wie folgt zusammen: "Nicht sein Theater diente der Weltrevolution, sondern diese seinem Theater."

Das Buch ist im Aufbau-Taschenbuchverlag unter der ISBN 3-7466-8064-6 erschienen und kostet 7,95 €.