| Urs Widmer: "Das Buch des Vaters" |
| Eine Biographie der anderen Art | |
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Bücher über die eigenen Eltern nehmen oft den Charakter einer Abrechnung an, und vor allem die Kinder von Prominenten Der Vater des Ich-Erzählers ist auf einem kleinen Dorf aufgewachsen, das noch bestimmte Riten der Mannbarkeit und des Lebenszyklus´ kannte und befolgte. So musste sich der Zwölfjährige allein zu Fuß in sein Geburtsdorf begeben, um dort eine Art dörflicher "Konfirmation" zu erleben, und beim Tode eines Angehörigen müssen die Hinterbliebenen den im Dorfe bei der Geburt angefertigten Sarg persönlich abholen. Der Zwölfjährige erhält bei seiner Aufnahme in die Erwachsenenwelt ein weißes Buch, in das er künftig alle Erlebnisse und Ereignisse eintragen wird. Erst nach seinem Tode darf der älteste Sohn in dieses Buch schauen. Dieses Buch nimmt Urs Widmer als Folie für die Biographie des Vaters aus dem Munde des Sohnes. Nüchtern und sachlich berichtet er über die verschiedenen Stationen seines im Grunde genommen ereignislosen Lebens. Er heiratet eine schöne Frau, ohne zu wissen, warum sie gerade ihn gewählt hat; er widmet sich der französischen Literatur und übersetzt wie im Rausch alles, was ihm in die Hände gelangt. Dabei zeigt er sich als mäßiger Geschäftsmann und verärgert des Öfteren seine geschäftstüchtigere und sparsame Frau. Die beiden Kriege erleben die Schweizer als Angstpartie ohne wirkliche Bedrohung. Sie bilden sich eine solche eher ein. Während des Zweiten Weltkriegs wird der Vater zum Kommunisten, agiert eine Zeitlang und löst sich dann wieder von der Ideologie. Das Leben des Vaters verläuft unspektakulär, ja geradezu banal, wie wohl die meisten Lebensläufe. Katastrophen bleiben aus, die Liebe zwischen ihm und Clara erlischt langsam, wenn sie denn je existiert hat, und der Vater versenkt sich in seine Literatur. Man zerstreitet sich mit der Verwandtschaft, zieht um, der Vater geht auch mal fremd und stirbt schließlich in den 60er Jahren an einem Schlag. So unscheinbar und durchschnittlich dieses Leben erscheint, so minutiös und wahrhaftig erscheint es aus der Sicht des Sohnes. Und bei allen Schwächen und der ganzen Durchschnittlichkeit des Vater schimmert doch viel Menschlichkeit und Einsicht in die menschliche Existenz durch. In der Einfachheit und Geradlinigkeit wirkt das Buch fast wie ein Bibeltext, obwohl die Religion an keiner Stelle erwähnt oder gar beschworen wird. Sie liegt einfach in der Existenz des Menschen und seinem unausweichlichem Gang in den Tod. Urs Widmer erzählt diese Geschichte eines Vaters mit bewegender Schlichtheit und würzt sie mit vielen genauen MiIieubeschreibungen und Darstellungen des jeweiligen Zeitgeistes. Auch die politische Situation in der Schweiz kommt zur Sprache einschließlich der Haltung des neutralen Landes in beiden Kriegen. Doch diese Aspekte stehen nicht plakativ im Vordergrund, sondern begleiten das Leben des Vaters und erklären es. Am Ende steht ein skeptischer Sohn am Grabe seines Vaters und beginnt erst jetzt ihn zu lieben. Das Buch ist im Diogenes-Verlag unter der ISBN 3-257-86109-5 erschienen und kostet 19,90 €. |