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Die
spanische Literatur der letzten Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, hat sich
wiederkehrend mit den Themen Bürgerkrieg und Franco-Regime
auseinandergesetzt. Es will fast so scheinen, als ob das alles verzehrende
Feuer des Zweiten Weltkrieges die Aufarbeitung von scheinbar zweitrangigen
historischen Ereignissen lange Zeit verhindert hat. Wie auch andere
Länder greifen die Spanier ihre eigene Vergangenheit mit einiger
Verspätung auf, verarbeiten sie dann jedoch nicht weniger gründlich.
Carlos Ruiz Zafón, Jahrgang 1964, hat sich tief in die Vergangenheit
seines Landes gegraben und mit diesem Roman ein breites Panorama der
spanischen Gesellschaft und ihrer typischen Strukturen zwischen 1920 und
1955 geschaffen. Erstaunlich, dass ein Nachgeborener diese Zeit so
authentisch schildern kann, denn authentisch wirkt dieses Buch und
realistisch ebenfalls.
Zafón verschränkt über eine Rahmenhandlung mehrere Generationen
miteinander. Daniel, Sohn eines Buchhändlers, entdeckt Anfang der
fünfziger Jahre als Jugendlicher
eines Tages an einem verschwiegenen Ort einen Roman, den er verschlingt
und der ihn motiviert, nach dem Autor und weiteren Büchern aus seiner
Feder zu suchen. Als ein Freund
seines Vaters ihm dieses Buch unbedingt abkaufen möchte, steigt sein
Interesse sogar noch, und er gibt es nicht heraus. Später, als junger
Mann, nimmt er die Fährte nach dem verschollenen Autor auf und stößt
dabei auf die unterschiedlichsten Interessenten an diesem Buch. Jedoch
nicht nur schöngeistige Belletristen kreisen um dieses Buch, sondern bald
gesellen sich auch Vertreter des Franco-Staates hinzu, die mit
Polizeigewalt und allen Mitteln den Zugriff auf den Autor des Buches
suchen. Daniel muss also bald beide gegen die Nachstellungen der Umwelt
verteidigen. Stück für Stück kommt er dem Autor näher, der 1919
überstürzt aus Spanien nach Paris floh und dort ein eher karges Leben
fristete, ehe er 1936, mitten im Bürgerkrieg, zurückkehrte und auf der
Straße erschossen zu werden. Daniel findet Menschen, die den Autor
gekannt und ihm nahe gestanden haben, und langsam blättert sich eine
Lebensgeschichte vor ihm auf, in der es um nicht standesgemäße Liebe,
väterliche Gewalt und streng gehütete Familiengeheimnisse geht. Bei
seinen Recherchen hilft ihm ein älterer Angestellter seines Vaters, den
sie gemeinsam aus der Gosse gerettet haben und der sich nach kurzer Zeit
als wahrer Literaturkenner entpuppt. Ein typischer Fall der im
Franco-Staat zerstörten Intellektuellen-Karrieren.
Parallel zu der detektivischen Kleinarbeit bei der "Suche nach dem
verlorenen Autor" entwickelt sich eine private Liebesgeschichte, die
sich zunehmend als Kopie der Geschichte des gesuchten Autors erweist. Und
auch in den fünfziger Jahren, vor allem im Spanien Francos, kann eine
solche Geschichte genauso tragisch enden wie die des verschollenen Autors
Julian Carax.
Die
Handlung dieses Romans erinnert an die klassischen Familiendramen,
einschließlich eines gewissen melodramatischen Effekts. Immer wieder geht
es um enttäuschte oder heimliche Liebe, um Entsagung, Auflehnung und Tod.
Dabei spannt der Autor seinen Erzählbogen über eine Zeitspanne von fast
fünfzig Jahren und bringt dem Leser dadurch die Geschichte Spaniens in
der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus der Sicht der Normalbürgers
nahe. Ist die Handlung auch eher konventionell zu nennen, so überzeugt
jedoch das erzählerische Talent des Autors. In der klassischen Art der
Romanschriftsteller des 19. Jahrhunderts breitet er seine Geschichte vor
dem Leser aus, schafft Spannung und Identifikation, ohne dabei jedoch in
billige Klischees oder gar falsche Sentimentalität zu verfallen. Die
Personen der Handlung besitzen durchweg ein eigenes, geschärftes Profil,
und Zafón sorgt für eine breite Palette unterschiedlicher Charaktere,
die durchweg authentische Züge aufweisen. Dadurch entsteht ein lebendiges
Bild der spanischen Gesellschaft, in der die meisten in der einen oder
anderen Art am Leben oder unter der politischen Situation leiden. Doch
erst im Leiden beweisen die Menschen ihre Größe, wenn sie dennoch den
Mut nicht verlieren und - wie Daniels väterlicher Freund in der
Buchhandlung - jedem Tag wieder Gründe für die Hoffnung auf ein besseres
Leben entlocken. Dass die Geschichte am Ende gut ausgeht, ist als
Zugeständnis an das breite Publikum zu deuten und angesichts der
sonstigen Stärken des Romans durchaus zu akzeptieren.
Das Buch ist im Insel-Verlag unter der ISBN 3-458-17170-3 erschienen und umfasst
527 Seiten.
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