John le Carré: "Absolute Freunde"

Düstere Aktualisierung eines belletristischen Dauerbrenners
 

 

Spionage-Thriller erfreuten sich vor allem während des kalten Krieges großer Beliebtheit, lieferte die aufgeladene weltpolitische Lage doch genug Spannung in die Kreise der populären Literatur. John le Carré, vielen Lesern vor allem der älteren Generation durch seinen Berliner Thriller "Der Spion, der aus der Kälte kam" bekannt, hat sich seit den Tagen der Berliner Mauer als Meister dieser Literaturform erwiesen und ist anschließend dem weltpolitischen Zug der Zeit mit anderen Büchern zu aktuellen politischen Tendenzen gefolgt. 

Sein neuester Roman nimmt wieder Deutschland ins Visier und erweist sich einerseits als leicht nostalgischer Rückschau in die sechziger und siebziger Jahre und andererseits als ein Menetekel über die gegenwärtige, vom Terror geprägte Situation. Edward Mundy, als Sohn eines gescheiterten britischen Kolonialoffiziers nach Kriegsende in Pakistan geboren, erlebt das schmähliche Ende des englischen Kolonialreiches und eine kalte Jugend im fremden und ungeliebten England. Durch einen Exiljuden zur deutschen Sprache geführt, studiert er im Berlin der späten sechziger Jahre und erlebt die dramatischen Zeiten um die APO der 68er. Dort lernt er auch Sascha, einen etwas verwachsenen Theoretiker der Revolution, kennen und knüpft trotz anfänglich beidseitiger Vorbehalte eine enge Freundschaft zu ihm.

Als er später seine Kenntnisse des kontinentalen Europas als Vertreter eines englischen Kulturaustauschs nutzt, trifft er bei einer Reise mit einer Theatertruppe Sascha in der DDR wieder, wohin dieser aufgrund der Enttäuschung über die im Westen gescheiterte Revolution ausgewandert ist. Dieser jedoch musste zu seiner Enttäuschung bald das wahre Gesicht des "real existierenden Sozialismus" erkennen und setzt jetzt mit Mundy ein verwirrendes Doppelspiel in Szene. Offiziell von Sascha für die Stasi als Spion im Westen angeworben, liefert Mundy in Wirklichkeit in Absprache mit Sascha und dem britischen Geheimdienst Spielmaterial in den Osten und erhält dafür "echte" Informationen über die Vorgänge in der DDR. 

Nach dem Mauerfall geht Mundy, dessen zeitweilige Ehe an dem Doppelspiel zerbrochen ist, in einen vorgezogenen Ruhestand und landet schließlich nach einem gescheiterten Ausflug in die Geschäftswelt als Reiseführer in einem bayrischen Schloss. Dort trifft er wieder seinen alten Freund Sascha, der ihn nun, Anfang des 21. Jahrhunderts, in eine neue, weltverbessernde Aktion wahrhaft globalen Ausmaßes zu ziehen versucht. Von diesem Moment an nimmt das Schicksal nahezu unabänderlich seinen Lauf, denn die beiden Freunde sind nichts ahnend zwischen die Fronten verschiedener Organisationen geraten, die ihnen schließlich zum Verhängnis werden. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.

John le Carré skizziert in diesem Roman noch einmal die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, wobei die Spionageseite hinter die menschliche und gesellschaftliche zurücktritt. Sehr anschaulich beschreibt er Mundys geliebte Heimat in Pakistan und rettet damit ein wenig die Ehre dieses weit gehend unterschätzten Landes. Die verrückte Zeit der Kommunen und Aktionen im Berlin zur Dutschke-Zeit erweckt er ebenso hautnah wieder zum Leben wie die dumpfe Spießigkeit und die karrieregeile Ideologie der späten DDR. Doch dramatische Züge nimmt der Roman erst im letzten Teil an, der nach dem 11. September 2001 spielt und die Terror-Hysterie vor allem der Amerikaner in den Mittelpunkt rückt. Der Leser durchschaut lange das mehrbödige Spiel der Organisationen nicht, und erst am Schluss ergibt sich ein erschreckendes Panorama, das durchaus realistische Züge aufweist und kein gutes Haar an gewissen großen Organisationen lässt und die Amerikaner schonungslos an den Pranger stellt. Die kompromisslose Darstellung erinnert bisweilen an Michael Moore, wobei John le Carré jedoch den Vorteil der Fiktion nutzen kann, nur Möglichkeiten zu zeigen und keine Tatsachenbehauptungen aufzustellen.

Wohltuend an Carrés Roman ist der von jeglichen Klischées freie Tenor. Linke, Muslims und selbst DDR-Funktionäre werden immer mit einem menschlichen Zug versehen, der ihre Handlungen verständlich macht. Hier werden nicht wie in typischen US-Thrillern - allen voran Tom Clancy - Schwarz-Weiß-Bilder mit einer übersichtlichen Verteilung von Gut und Böse gemalt, sondern hier haben alle Personen Stärken und Schwächen, sympathische und unsympathische Züge. Es versteht sich fast von selbst, dass sich diese ausgewogene Darstellung natürlich auch im Stil niederschlägt, der immer versucht, den Dingen auf den Grund zu gehen und auch die Details einer Situation oder eines Charakter herauszuarbeiten.

Für jemanden, der die letzten vierzig Jahre bewusst erlebt hat, ist dieses Buch eine genussvolle Reise in eine noch nicht vergessene Vergangenheit, für jüngere Leser bietet es eine breite Palette lehrreicher Informationen über die Geschichte der letzten fünfzig Jahre.


Das Buch ist im List-Verlag unter der ISBN 3-471-78098-X erschienen und kostet 22 €.