| Hans-Joachim Schädlich: "Anders" |
| Versuch über das Phänomen politischer Chamäleons | |
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Der Autor hat in diesem "Roman", denn so ist das Buch fälschlicherweise betitelt, offensichtlich dokumentarische Lebensläufe aus der Nazi- und Nachkriegszeit akribisch zusammengestellt. Diese Darstellung bindet er jedoch in eine vordergründige Rahmenhandlung ein, in der zwei pensionierte Meteorologen um die Wette eben solche Lebensläufe recherchieren und sie sich gegenseitig wie in einem Wettbewerb vortragen. Um halbwegs Leben in die Rahmenhandlung zu bringen, führt Schädlich noch eine Frau ein, die zwischen den Männern steht, von beiden verehrt oder geliebt wird und ihnen wie Schuljungen die Leviten liest, wenn sie sich nicht einem von ihr vertretenen Verhaltenskodex entsprechend verhalten oder ihr die nötige Aufmerksamkeit verweigern. Doch sorgt Ida, wie die Dame heißt, romantechnisch nur für etwas Abwechslung in den geradezu monotonen Darstellungen wendehälslerischer Lebensläufe. Ohne jeden einzelnen der ehemaligen Nazis, denn um eine solche Vergangenheit geht es bei all diesen Fällen, im Einzelnen nachgeprüft zu haben, darf man Authentizität annehmen, denn fiktive Lebensläufe, an echte nur vage angelehnt, bleiben natürlich im Unverbindlichen stecken. Erst das Dokumentarische liefert die vermeintliche Sprengkraft. Nun geht es dem Autor jedoch nicht um Entlarvung im Sinne eines Tribunals, denn die meisten dieser Lebenslichter sind bereits erloschen, sondern um das Phänomen der eigenen Existenzfälschung, die oft Jahrzehnte überdauert hat. Seine Absicht war offensichtlich, die Strukturen dieser Persönlichkeiten offen zu legen und daraus Schlüsse auf die Gründe einer solchen fatalen Wandelbarkeit zu ziehen. Doch leider gelingt ihm das nicht, die Beschreibungen der flexiblen Lebensläufe bleiben im Narrativen, besser gesagt: Dokumentarischen stecken. Eine tiefer schürfende Analyse vermisst man genau so wie überraschende oder provokante Annahmen oder Behauptungen. Sie waren halt so, diese Männer (bezeichnenderweise geht es immer um Männer), und obwohl sich der Autor eine vordergründige Zeigefinger-Verurteilung deutlich vermeidet, um kühle Objektivität zu suggerieren, schimmert diese - verständliche - Verurteilung immer durch. verständlich, aber das wussten wir eigentlich schon vorher, dass der politische Wendehals kein Vorzeige-Objekt für die nachwachsende Jugend darstellt. Und so hangelt sich das Buch von einer traurigen Figur zur nächsten, falsche Professoren werden vorgestellt, die bis ins hohe Alter unerkannt bleiben, schneidige SS-Offiziere wandeln sich in kürzester Zeit zu engagierten Demokraten, kurz: ein ganzes Panoptikum an unappetitlichen Gestalten zieht an uns vorbei, ohne dass ein innerer Zusammenhang oder eine konsistente Deutung entstünde. AM meisten trifft da noch die Geschichte von dem im KZ versteckten Judenjungen, der angeblich von anderen KZ-Insassen auf selbstloseste Weise vor der Entdeckung und dem sicheren Tod bewahrt wurde und der sich daraus eine eigene Wunsch-Identität zusammenstellt. Hier wird einmal ein Opfer zum Wendehals, und ihm kann man es dann auch nachsehen. Als Fazit bleibt: das Buch liest sich sehr zäh, vieles wiederholt sich, und die politisch korrekte Absicht muss gnädig ihren Mantel über die literarischen Schwächen und Krücken breiten. Der Roman ist im Rowohlt-Verlag unter der ISBN 3-498-06354-4 erschienen und umfasst 219 Seiten. |