| Peter Handke: "Don Juan" |
| Eine irritierende Darstellung des großen Verführers | |
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Peter Handke lässt diesen Don Juan nun plötzlich in den Alltag eines literarischen Eremiten in der französischen Provinz einbrechen. Natürlich lebt dieser unfreiwillige Gastgeber - ironisches Apercu - in Frankreich, dem erklärten Domizil der Erotik. Doch Don Juan selbst entspricht durchaus nicht dem Bild des Lebemanns aus Mozarts "Don Giovanni", sondern flieht vor einem entrüsteten Liebespaar, das er auf einer Waldlichtung eher distanziert-erstaunt bei der einschlägigen Vereinigung beobachtet hat. Schon die verbale Retrospektive auf dieses Erlebnis zeigt einen Don Juan, der das Leben eher beobachtet als erlebt, und diese Haltung behält dieser vom Gastgeber augenblicklich als Don Juan erkannte Gast bei. Er richtet sich dort ein, genießt das Essen des endlich mit einem "Mitesser" gesegneten Eremieten und berichtet ihm von seinen Erlebnissen. Die letzten Wochen haben ihn durch ganz Europa geführt: in den Kaukasus, wo er mit seinem Fahrer eine Hochzeit besucht und augenblicklich eine seelisch-geistige Symbiose mit der Braut eingeht; nach Marokko, wo das Männer hassende und Männer fressende Weib ihn wie den "Gott sei bei uns" fürchtet und flieht; nach Norwegen, Holland und andere Länder, in denen er jedes Mal anders geartete Beziehungen zu Frauen aufbaut. Doch bleiben diese Beziehungen immer im Vagen. Zwar kann sich der Leser die finale -und naturgegebene - Vereinigung vorstellen, sie kommt jedoch nie explizit zur Sprache und kann ebenso gut nur in der Vorstellung stattgefunden haben. Überhaupt findet das Leben dieses Don Juans nur im Kopf statt. Die Beziehungen zu Männern wie zu Frauen bleiben seltsam fremd und distanziert. Don Juan ist in strengem Sinne Autist, der nur beobachtet und wenig Impulse von sich aus gibt. Die Frauen umkreisen ihn, kommen ihm jedoch nie wirklich nahe, und er interessiert sich auch nicht wirklich für sie. Die Szene in Marokko ist der Dreh- und Angelpunkt des ganzen Buches. Die füllige Matrone ist selbst eine Donna Juanita - sie fängt und verstößt Männer nach Belieben und Programm - und flieht in dem Moment, als sie die Seelenverwandschaft mit Don Juan erkennt. Er allein erkennt sie und kann sie ins Verderben stürzen. Doch Handke wäre nicht Handke, würde er dieses Thema ausdiskutieren und sozusagen soziologisch klären. Alles bleibt bei ihm im Ungefähren, nur Literarischen. Don Juan ist nicht zu fassen, er entzieht sich jeglicher Beobachtung und Bewertung. Damit bleibt auch das Phänomen des Verführers Don Juan im Dunklen, als ob Erotik und Verführung selbst nur Vorstellung und Chimäre wären. Don Juan jedenfalls bleibt bei Handke ein Rastloser, Suchender, der weder sein Ziel kennt noch vordergründige Freude im Erotischen findet. Letztlich bleibt die Beziehung zwischen den Geschlechtern ein Rätsel, zumindest für den Protagonisten und den Autor. Das Buch lässt am Ende viele Fragen offen, beantwortet keine, und überlässt dem Leser die Deutung auf eigene Verantwortung. Bei Handke bleibt immer ein Rätsel, sei es nun ein Abbild des Enigmatischen oder nur Masche. Diese Frage zu beantworten bleibt dem Leser überlassen. Der Roman ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 3-518-41636-7 erschienen und umfasst 160 Seiten. |