Jürg Beeler: "Das Gewicht der Nacht"

Roman über eine verlorene Liebe
   

Der "Held" dieses Romans hat keinen Namen, der Ich-Erzähler enthält ihm den Lesern bis zum Schluss vor. Das ist jedoch nur eine eher kuriose Randerscheinung, werden doch sonst die Protagonisten immer mit Namen belegt. Der gebürtige Schweizer, mittlerweile in den Fünfzigern, hat viele Jahre in verschiedenen Ländern zugebracht, hat unterschiedliche, eher unkonventionelle Berufe ausgeübt und ist zu einigem Geld gekommen. Derzeit erholt er sich von einem Unfall und betätigt sich während der Rekonvaleszenz als touristischer Reiseführer in Zürich. Als er eines Tages aus dem Bus seine ehemalige Geliebte Mira zu erkennen glaubt, brechen die Erinnerungen an die Zeit mit ihr auf. Von diesem Augenblick an lebt er abwechselnd in mehreren Welten: im aktuellen Zürich als Aushängeschild der Schweiz mit seinem kapitalistischen und großbürgerlichen Seiten, im alten Zürich, dessen Reste er den Touristen näher bringt, und in Amsterdam zusammen mit Mira, die er nicht vergessen kann. 

Die Leser lernen dabei alle drei Welten kennen, erfahren - ohne schulmeisterliche Gelehrsamkeit - viele Details über die Geschichte Zürichs und der Schweiz, erhalten einen gemäßigt satirischen Einblick in die Geldmentalität der Schweizer Gesellschaft und können schrittweise eine so intensive wie melancholische Beziehung miterleben. Der unruhige Wanderer hatte in der geschiedenen Mira und ihrer kleinen Tochter eine fast fertige Kleinfamilie gefunden und sich zunehmend in die ihm anfangs fremde Rolle eines (Ersatz-)Vaters eingelebt. Miras luftige, etwas chaotische Art und ihre ironische Distanz hatten ihn fasziniert, und er war zu jedem Zugeständnis bereit. Doch Mira frönte noch einer anderen Leidenschaft: der beruflichen Entzifferung alter Schriften. Diese nahm sie so sehr in Anspruch, dass darüber Freund und Tochter ins zweite Glied rückten. Nach einem Zusammenbruch entfernte sie sich immer weiter von ihm und verschwand schließlich aus seinem Leben, ohne dass er etwas dagegen tun konnte.

Diese Zeit rekapituliert der Erzähler zwischen und während seinen beruflichen Exkursionen ins alte Zürich, lässt sich von ihr immer mehr gefangen nehmen und sucht zielstrebig nach der Frau, die er für einen Moment zu erkennen geglaubt hat. Am Ende findet das erhoffte Wiedersehen zwar unvermutet statt, doch es kommt noch nicht einmal zum Ansatz eines Happy-Ends.

Jürg Beeler ist es gelungen, in diesem Roman ein uraltes Thema frisch, unprätentiös und ohne jede falsche Sentimentalität zu erzählen. Dabei gelingt ihm nicht nur die Charakterisierung der Frau facettenreich und glaubwürdig, sondern auch die eigene Befindlichkeit als Liebender und Verlassener kommt ohne Selbstmitleid zum Ausdruck, wobei sein Leid gerade wegen des Verzichts auf die verbale Beschwörung des Schmerzes überzeugend zum Ausdruck kommt. Der Leser kann sich unmittelbar in ihn hineinversetzen und leidet still mit ihm. Beeler zeigt unmissverständlich, dass solche Wunden auch nach Jahren nie richtig heilen sondern jederzeit wieder aufbrechen können. Emotionale Brüche dieser Art hinterlassen ihre Spuren ein Leben lang. Doch Beeler, dem man in diesem Roman eigene Erfahrungen ähnlicher Art unterstellen darf (und muss), verleiht seinem Protagonisten eine gewisse Selbstironie und Lebensdistanz, die ihn zum Überleben befähigen, einem Überleben, das zwar die Erinnerung pflegt, sich ihr aber nicht auf Kosten des weiteren Lebens opfert. Fast kann man diesen Roman heiter nennen, auch wenn er von dem Verlust einer großen Liebe handelt, dem nie eine vergleichbare nachgefolgt ist.

Das Buch ist im Haymon-Verlag unter der ISBN 3-85218-457-6 erschienen und umfasst 141 Seiten.