Carmen Posadas: "Kleine Infamien"

Satirischer Krimi über den Tod eines listigen Kochs
   

Nestor Chaffino ist Koch mit Leib und Seele und in seinem Beruf weit in der Welt herumgekommen. Nun betreibt er in Spanien einen Catering-Service, der reichen Leuten ihre Feste ausrichtet. Als er nach einem langen Abend im Ferienhaus des angesehenen Kunstsammlers und -mäzens Teldi die letzten Nachtische in die Kühlkammer stellt, fällt hinter ihm die schwere Tür ins Schloss - offensichtlich nicht zufällig - und beschert ihm einen langsamen Erfrierungstod.

In einem herkömmlichen Krimi würde jetzt der Kommissar auftreten, alle Anwesenden verhören und schließlich aus Lügen, Ausflüchten, Halbwahrheiten, psychologischem Gespür, Scharfsinn und recherchierten Fakten den Ablauf rekonstruieren und den Täter dingfest machen. Nicht so bei Carmen Posadas. Bei ihr spielt der Kommissar keine Rolle. Im Rückblick vom Augenblick des Todes an stellt sie die Beteiligten vor: da ist natürlich erst einmal der Gastgeber, der den Grundstein seines Reichtums im Kunstmarkt von Argentinien zu Zeiten der Militär-Junta gelegt hat. Chaffino war zur selben Zeit am selben Ort als Koch tätig und kannte Teldi sowie die schwarzen Flecken auf seiner ach so weißen Weste. Teldis Frau Adela, nun eine reife Schönheit, lebt seit Jahren ihr eigenes Leben, hält aber im Einverständnis mit ihrem Mann den Anschein einer glücklichen Ehe aufrecht. Ein ehelicher Fehltritt in Argentinien mit tödlichen Folgen lastet auf ihrem Gewissen und gilt als best gehütetes Geheimnis, wenn da nicht Chaffino wäre, den sie allerdings persönlich nie kennen gelernt hat. Chaffinos junger Kellner Carlos sticht den Frauen wegen seines Äußeren ins Auge, und auch die Abwechslung gewohnte Adela kann sich anlässlich der Vorbereitungen zu dem Fest diesem Einfluss nicht entziehen. Nur leider wissen weder sie noch Carlos, über welch unseligen Stränge sie miteinander verbunden sind. Nur einer könnte es wisse - Chaffino. Und dann ist da noch der ehrenwerte Richter Trous, der dem Chefkoch unbekannterweise vor kurzem in einem verschwiegenen Etablissement für eher unübliche erotischen Genüsse über den Weg gelaufen ist und eben diesen flüchtigen Bekannten nun als Ausrichter des abendlichen Festes wiedertrifft....

Wo man also hinsieht, häufen sich an diesem Abend die  Motive für ein schnelles Zuschlagen der Tür zum Kühlraum, wenn auch die Sachlage einigen der Beteiligten erst im Laufe des Abends zur schrecklichen Gewissheit wird. Carmen Posadas lässt die Protagonisten nacheinander einzeln und gemeinsam auftreten und nutzt diese Szenen für eine satirisch zugespitzte Charakterisierung der Personen und ihrer Beziehungen untereinander. Wenn Teldi der Vertreterin einer Kunstzeitschrift ein Interview gibt, kommen beide mit ihrer Eitelkeit, ihrem Dünkel und ihren Machtspielen nicht gut weg, und nebenbei gelingt der Autorin noch ein treffender und bissiger Seitenhieb auf die Branche der Edelmagazine, die von fremder Eitelkeit lebt und in eigener Eitelkeit schwelgt. Ebenso treffend prangert sie Spaniens immer noch verklemmte und rückständige Sexualmoral am Beispiel des unglückseligen Richters an, der außer einer etwas abweichenden erotischen Orientierung keinen Makel aufweist und dennoch existenziell um seinen Ruf fürchtet. Die jüngeren Leute kommen in ihrer Unbefangenheit - und Unbedarftheit - etwas besser weg, haben sie doch selbst am Schicksal und an den von der Elterngeneration verübten Taten zu leiden.

Das Ende kommt nicht nur überraschend - die schönste Pointe liegt in den letzten Zeilen - sondern im Sinne des klassischen Krimis auch unbefriedigend. Doch mit dem Verzicht auf die große finale Entlarvung und Sühnung alter Schuld liegt die Autorin wahrscheinlich näher an der Realität als die Altmeister des Krimis , die am Ende immer die moralischen Missetäter ihrer gerechten Strafe zuführen. Geistreicher Witz, hintergründige Satire, bissiger Humor und Tempo sind die wesentlichen Stärken dieses Romans, der sich nicht nur als Urlaubslektüre anbietet.

Das Buch ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 3-5128-41653-7 erschienen und umfasst 281 Seiten.